Ernst und Falk - Gespräche für Freimaurer

von Gotthold Ephraim Lessing (* 1724; † 1803)geschrieben 1776-1778

Inhalt

 

 

 

 

 

Erstes Gespräch

Ernst: Woran denkst du, Freund?

Falk: An nichts.

Ernst: Aber du bist so still.

Falk: Eben darum. Wer denkt, wenn er genießt? Und ich genieße des erquickenden Morgens.

Ernst: Du hast recht; und du hättest mir meine Frage nur zurückgeben dürfen.

Falk: Wenn ich an etwas dächte, würde ich darüber sprechen. Nichts geht über das laut denken mit einem Freund.

Ernst: Gewiss.

Falk: Hast du des schönen Morgens schon genug genossen, fällt dir etwas ein: So sprich du. Mir fällt nichts ein.

Ernst: Gut das! - Mir fällt ein, dass ich dich schon längst um etwas fragen wollte.

Falk: So frage doch.

Ernst: Ist es wahr, Freund, dass du ein Freimaurer bist?

Falk: Die Frage ist eines, der keiner ist.

Ernst: Freilich! - Aber antworte mir geradezu. - Bist du ein Freimaurer?

Falk: Ich glaube es zu sein.

Ernst: Die Antwort ist eines, der seiner Sache eben nicht gewiss ist.

Falk: O doch! Ich bin meiner Sache so ziemlich gewiss.

Ernst: Denn du wirst ja wohl wissen, ob und wenn und wo und von wem du aufgenommen worden.

Falk: Das weiß ich allerdings; aber das würde so viel nicht sagen wollen.

Ernst: Nicht?

Falk: Wer nimmt nicht auf, und wer wird nicht aufgenommen!

Ernst: Erkläre dich.

Falk: Ich glaube ein Freimaurer zu sein; nicht sowohl, weil ich von älteren Maurern in einer gesetzlichen Loge aufgenommen worden: sondern weil ich einsehe und erkenne, was und warum die Freimaurerei ist, wenn und wo sie gewesen, wie und wodurch sie befördert oder gehindert wird.

Ernst: Und drückst dich gleichwohl so zweifelhaft aus? - „Ich glaube einer zu sein!“

Falk: Dieses Ausdrucks bin ich nun so gewohnt. Nicht zwar, als ob ich Mangel an eigner Überzeugung hätte: sondern weil ich nicht gern mich jemanden gerade in den Weg stellen mag.

Ernst: Du antwortest mir als einem Fremden.

Falk: Fremder oder Freund!

Ernst: Du bist aufgenommen, du weißt alles.

Falk: Andere sind auch aufgenommen und glauben zu wissen.

Ernst: Könntest du denn aufgenommen sein, ohne zu wissen, was du weißt?

Falk: Leider!

Ernst: Wieso?

Falk: Weil viele, welche aufnehmen, es selbst nicht wissen, die wenigen aber, die es wissen, es nicht sagen können.

Ernst: Und könntest du denn wissen, was du weißt, ohne aufgenommen zu sein?

Falk: Warum nicht? - Die Freimaurerei ist nichts Willkürliches, nichts Entbehrliches, sondern etwas Notwendiges, das in dem Wesen des Menschen und der bürgerlichen Gesellschaft gegründet ist. Folglich muss man auch durch eignes Nachdenken ebenso wohl darauf verfallen können, als man durch Anleitung darauf geführt wird.

Ernst: Die Freimaurerei wäre nichts Willkürliches? - Hat sie nicht Worte und Zeichen und Gebräuche, welche alle anders sein könnten und folglich willkürlich sind?

Falk: Das hat sie. Aber diese Worte und diese Zeichen und Gebräuche sind nicht die Freimaurerei.

Ernst: Die Freimaurerei wäre nichts Entbehrliches? - Wie machten es denn die Menschen, als die Freimaurerei noch nicht war?

Falk: Die Freimaurerei war immer.

Ernst: Nun, was ist sie denn, diese notwendige, diese unentbehrliche Freimaurerei?

Falk: Wie ich dir schon zu verstehen gegeben: Etwas das selbst die, die es wissen, nicht sagen können.

Ernst: Also ein Unding.

Falk: Übereile dich nicht.

Ernst: Wovon ich einen Begriff habe, das kann ich auch mit Worten ausdrücken.

Falk: Nicht immer; und oft wenigsten nicht so, dass andere durch Worte vollkommen eben denselben Begriff bekommen, den ich dabei habe.

Ernst: Wenn nicht vollkommen eben denselben, doch einen etwaigen.

Falk: Der etwaige Begriff wäre hier unnütz oder gefährlich. Unnütz, wenn er nicht genug, und gefährlich, wenn er das Geringste zu viel enthielte.

Ernst: Sonderbar! Da also selbst die Freimaurer, welche das Geheimnis ihres Ordens wissen, es nicht wörtlich mitteilen können, wie breiten sie denn gleichwohl ihren Orden aus?

Falk: Durch Taten. Sie lassen gute Männer und Jünglinge, die sie ihres nähern Umgangs würdigen, ihre Taten vermuten, erraten, sehen, soweit sie zu sehen sind; diese finden Geschmack daran und tun ähnliche Taten.

Ernst: Taten? Taten der Freimaurer? Ich kenne keine andere als ihre Reden und Lieder, die meistenteils schöner gedruckt als gedacht und gesagt sind.

Falk: Das haben sie mit mehreren Reden und Liedern gemein.

Ernst: Oder soll ich das für ihre Taten nehmen, was sie in diesen Reden und Liedern von sich rühmen?

Falk: Wenn sie es nicht bloß von sich rühmen.

Ernst: Und was rühmen sie denn von sich? - Lauter Dinge, die man von jedem guten Menschen, von jedem rechtschaffnen Bürger erwartet. - Sie sind so freundlich, so guttätig, so gehorsam, so voller Vaterlandsliebe!

Falk: Ist denn das nichts?

Ernst: Nichts! - Um sich dadurch von andern Menschen auszusondern. - Wer soll das nicht sein?

Falk: Soll!

Ernst: Wer hat, dieses zu sein, nicht, auch außer der Freimaurerei, Antrieb und Gelegenheit genug?

Falk: Aber doch in ihr und durch sie einen Antrieb mehr.

Ernst: Sage mir nichts von der Menge der Antriebe. Lieber einem einzigen Antriebe alle mögliche intensive Kraft gegeben! - Die Menge solcher Antriebe ist wie die Menge der Räder in einer Maschine. Je mehr Räder: desto wandelbarer.

Falk: Ich kann dir das nicht widersprechen.

Ernst: Und was für einen Antrieb mehr! - Der alle andre Antriebe verkleinert, verdächtig macht! Sich selbst für den stärksten und besten ausgibt!

Falk: Freund, sei billig! - Hyperbel, Quidproquo jener schalen Reden und Lieder! Probenwerk! Jüngerarbeit!

Ernst: Das will sagen: Bruder Redner ist ein Schwätzer.

Falk: Das will nur sagen: was Bruder Redner an den Freimaurern preiset, das sind nun freilich ihre Taten eben nicht. Denn Bruder Redner ist wenigstens kein Plauderer; und Taten sprechen von selbst.

Ernst: Ja, nun merke ich, worauf du zielest. Wie konnten sie mir nicht gleich einfallen, diese Taten, diese sprechende Taten. Fast möchte ich sie schreiende nennen. Nicht genug, dass sich die Freimaurer einer den andern unterstützen, auf das kräftigste unterstützen: denn das wäre nur die notwendige Eigenschaft einer jeden Bande. Was tun sie nicht für das gesamte Publikum eines jeden Staats, dessen Glieder sie sind!

Falk: Zum Exempel? - Damit ich doch höre, ob du auf der rechten Spur bist.

Ernst: Zum Exempel die Freimaurer in Stockholm! - Haben sie nicht ein großes Findelhaus errichtet?

Falk: Wenn die Freimaurer in Stockholm sich nur auch bei einer andern Gelegenheit tätig erwiesen haben.

Ernst: Bei welchem andern?

Falk: Bei sonst andern, meine ich.

Ernst: Und die Freimaurer in Dresden, die arme junge Mädchen mit Arbeit beschäftigen, sie klöppeln und sticken lassen - damit das Findelhaus nur kleiner sein dürfe.

Falk: Ernst! Du weißt wohl, wenn ich dich deines Namens erinnere.

Ernst: Ohne alle Glossen dann. Und die Freimaurer in Braunschweig, die arme fähige Knaben im Zeichnen unterrichten lassen.

Falk: Warum nicht?

Ernst: Und die Freimaurer in Berlin, die das Basedowsche Philanthropin unterstützen.

Falk: Was sagst du? - Die Freimaurer? Das Philanthropin unterstützen? - Wer hat dir das aufgebunden?

Ernst: Die Zeitung hat es ausposaunt.

Falk: Die Zeitung! - Da müsste ich Basedows eigenhändige Quittung sehen. Und müsste gewiss sein, dass die Quittung nicht an Freimaurer in Berlin, sondern an die Freimaurer gerichtet wäre.

Ernst: Was ist das? - Billigst du denn Basedows Institut nicht?

Falk: Ich nicht? Wer kann es mehr billigen?

Ernst: So wirst du ihm ja diese Unterstützung nicht missgönnen?

Falk: Missgönnen? - Wer kann ihm alles Gutes mehr gönnen als ich?

Ernst: Nun dann! - Du wirst mir unbegreiflich.

Falk: Ich glaube wohl. Dazu habe ich Unrecht. - Denn auch die Freimaurer können etwas tun, was sie nicht als Freimaurer tun.

Ernst: Und soll das an allen auch ihren übrigen guten Taten gelten?

Falk: Vielleicht! - Vielleicht, dass alle die guten Taten, die du mir da genannt hast, um mich eines scholastischen Ausdruckes der Kürze wegen zu bedienen, nur ihre Taten ad extra sind.

Ernst: Wie meinst du das?

Falk: Nur ihre Taten, die dem Volke in die Augen fallen; - nur Taten, die sie bloß deswegen tun, damit sie dem Volk in die Augen fallen sollen.

Ernst: Um Achtung und Duldung zu genießen?

Falk: Könnte wohl sein.

Ernst: Aber ihre wahre Taten denn? - Du schweigst?

Falk: Wenn ich dir schon geantwortet hätte? - Ihre wahre Taten sind ihr Geheimnis.

Ernst: Ha! Ha! Also auch nicht erklärbar durch Worte?

Falk: Nicht wohl! - Nur so viel kann und darf ich dir sagen: die wahren Taten die Freimaurer sind so groß, so weit aussehend, dass ganze Jahrhunderte vergehen können, ehe man sagen kann: das haben sie getan! Gleichwohl haben sie alles Gute getan, was noch in der Welt werden wird - merke wohl, in der Welt.

Ernst: O geh! Du hast mich zum Besten.

Falk: Wahrlich nicht - Aber sieh! Dort fliegt ein Schmetterling, den ich haben muss. Es ist der von der Wolfmilchsraupe. - Geschwind sage ich dir nur noch: die wahren Taten der Freimaurer zielen dahin, um größtenteils alles, was man gemeinlich gute Taten zu nennen pflegt, entbehrlich zu machen.

Ernst: Und sind doch auch gute Taten?

Falk: Es kann keine bessere geben. - Denke einen Augenblick darüber nach. Ich bin gleich wieder bei dir.

Ernst: Gute Taten, welche darauf zielen, gute Taten entbehrlich zu machen? - Das ist ein Rätsel. Und über ein Rätsel denke ich nicht nach. - Lieber lege ich mich indes unter den Baum und sehe den Ameisen zu.

 

Zweites Gespräch

Ernst: Nun? Wo bleibst du denn? Und hast den Schmetterling doch nicht?

Falk: Er lockte mich von Strauch bis an den Bach. - Auf einmal war er herüber.

Ernst: Ja, ja. Es gibt solche Locker!

Falk: Hast du nachgedacht?

Ernst: Über was? Über deine Rätsel? - Ich werde ihn auch nicht fangen, den schönen Schmetterling! Darum soll er mir aber auch weiter keine Mühe machen. - Einmal von der Freimaurern mit dir gesprochen und nie wieder. Denn ich sehe ja wohl; du bist wie sie alle.

Falk: Wie sie alle? Das sagen diese alle nicht.

Ernst: Nicht? So gibt es ja wohl auch Ketzer unter den Freimaurern? Und du wärest einer. - Doch alle Ketzer haben mit den Rechtgläubigen immer noch etwas gemein. Und davon sprach ich.

Falk: Wovon sprachst du?

Ernst: Rechtgläubige oder ketzerische Freimaurer - sie alle spielen mit Worten und lassen sich fragen und antworten, ohne zu antworten.

Falk: Meinst du? - Nun wohl, so lass uns von etwas andern reden. Denn einmal hast du mich aus dem behaglichen Zustande des stummen Staunens gerissen.

Ernst: Nichts ist leichter, als dich in diesen Zustand wieder zu versetzen. - Lass dich nur hier bei mir nieder und sieh!

Falk: Was denn?

Ernst: Das Leben und Weben auf und in und um diesen Ameisenhaufen. Welche Geschäftigkeit und doch welche Ordnung! Alles trägt und schleppt und schiebt; und keines ist dem andern hinderlich. Sieh nur? Sie helfen einander sogar.

Falk: Die Ameisen leben in Gesellschaft wie die Bienen.

Ernst: Und in einer noch wunderbareren Gesellschaft als die der Bienen. Denn sie haben niemand unter sich, der sie zusammenhält und regiert.

Falk: Ordnung muss also doch auch ohne Regierung bestehen können.

Ernst: Wenn jedes einzelne sich selbst zu regieren weiß: warum nicht?

Falk: Ob es wohl auch einmal mit den Menschen dahin kommen wird?

Ernst: Wohl schwerlich!

Falk: Schade!

Ernst: Jawohl!

Falk: Steh auf und lass uns gehen. Denn sie werden dich bekriechen, die Ameisen; und eben fällt auch mir etwas bei, was ich bei dieser Gelegenheit dich doch fragen muss. - Ich kenne deine Gesinnungen darüber noch gar nicht.

Ernst: Worüber?

Falk: Über die bürgerliche Gesellschaft des Menschen überhaupt. - Wofür hältst du sie?

Ernst: Für etwas sehr Gutes.

Falk: Unstreitig. - Aber hältst du sie für Zweck oder Mittel?

Ernst: Ich verstehe dich nicht.

Falk: Glaubst du, dass die Menschen für die Staaten erschaffen werden? Oder dass die Staaten für die Menschen sind?

Ernst: Jenes scheinen einige behaupten zu wollen. Dieses aber mag wohl das Wahrere sein.

Falk: So denke ich auch. - Die Staaten vereinigen die Menschen, damit durch diese und in dieser Vereinigung jeder einzelne Mensch seinen Teil von Glückseligkeit desto besser und sicherer genießen könne. - Das Totale der einzelnen Glückseligkeiten aller Glieder ist die Glückseligkeit des Staats, bei welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden und leiden müssen, ist Bemäntelung der Tyrannei. Anders nichts!

Ernst: Ich möchte das nicht so laut sagen.

Falk: Warum nicht?

Ernst: Eine Wahrheit, die jeder nach seiner eignen Lage beurteilt, kann leicht missbraucht werden.

Falk: Weißt du, Freund, dass du schon ein halber Freimaurer bist?

Ernst: Ich?

Falk: Du. Denn du erkennst ja schon Wahrheiten, die man besser verschweigt.

Ernst: Aber doch sagen könnte.

Falk: Der Weise kann nicht sagen, was er besser verschweigt.

Ernst: Nun, wie du willst! - Lass uns auf die Freimaurer nicht wieder zurückkommen. Ich mag ja von ihnen weiter nichts wissen.

Falk: Verzeih! - Du siehst wenigstens meine Bereitwilligkeit, dir mehr von ihnen zu sagen.

Ernst: Du spottest! - Gut! Das bürgerliche Leben des Menschen, alle Staatsverfassungen sind nichts als Mittel zur menschlichen Glückseligkeit. Was weiter?

Falk: Nichts als Mittel! Und Mittel menschlicher Erfindung; ob ich gleich nicht leugnen will, dass die Natur alles so eingerichtet, dass der Mensch, sehr bald auf diese Erfindung geraten müssen.

Ernst: Dieses hat denn auch gemacht, dass einige die bürgerliche Gesellschaft für den Zweck der Natur gehalten. Weil alles, unsere Leidenschaften und unsere Bedürfnisse, alles darauf führe, sei sie folglich das letzte, worauf die Natur gehe. So schlossen sie. Als ob die Natur nicht auch die Mittel zweckmäßig hervorbringen müssen! Als ob die Natur mehr die Glückseligkeit eines abgezogenen Begriffs - wie Staat, Vaterland und dergleichen sind - als die Glückseligkeit jedes wirklichen einzeln Wesens zur Absicht gehabt hätte!

Falk: Sehr gut! Du kommst mir auf dem rechten Wege entgegen. Denn nun sage mir; wenn die Staatsverfassungen Mittel, Mittel menschlicher Erfindungen sind; sollten sie allein von dem Schicksale menschlicher Mittel ausgenommen sein?

Ernst: Was nennst du Schicksale menschlicher Mittel?

Falk: Das, was unzertrennlich mit menschlichen Mitteln verbunden ist; was sie von göttlichen unfehlbaren Mitteln unterscheidet.

Ernst: Was ist das?

Falk: Dass sie nicht unfehlbar sind. Dass sie ihrer Absicht nicht allein öfters nicht entsprechen, sondern auch wohl gerade das Gegenteil davon bewirken.

Ernst: Ein Beispiel! Wenn dir eines einfällt.

Falk: So sind Schifffahrt und Schiffe Mittel, in entlegene Länder zu kommen; und werden Ursache, dass viele Menschen nimmermehr dahin gelangen.

Ernst: Die nämlich Schiffbruch leiden und ersaufen. Nun glaube ich dich zu verstehen. - Aber man weiß ja wohl, woher es kommt, wenn so viel einzelne Menschen durch die Staatsverfassung an ihrer Glückseligkeit nichts gewinnen. Der Staatsverfassungen sind viele; eine ist also besser als die andere; manche ist sehr fehlerhaft, mit ihrer Absicht offenbar streitend; und die beste soll vielleicht noch erfunden werden.

Falk: Das ungerechnet! Setze die beste Staatsverfassung, die sich nur denken lässt, schon erfunden; setze, dass alle Menschen in der ganzen Welt diese beste Staatsverfassung angenommen haben: meinst du nicht, dass auch dann noch, selbst aus dieser besten Staatsverfassung, Dinge entspringen müssen, welche der menschlichen Glückseligkeit höchst nachteilig sind, und wovon der Mensch in dem Stande der Natur schlechterdings nichts gewusst hätte?

Ernst: Ich meine, wenn dergleichen Dinge aus der besten Staatsverfassung entsprängen, dass es sodann die beste Staatsverfassung nicht wäre.

Falk: Und eine bessere möglich wäre? - Nun, so nehme ich diese bessere als die beste an: und frage das Nämliche.

Ernst: Du scheinst mir hier bloß von vorneherein aus dem angenommenen Begriff zu vernünfteln, dass jedes Mittel menschlicher Erfindung, wofür du die Staatsverfassungen samt und sonders erklärst, nicht anders als mangelhaft sein könne.

Falk: Nicht bloß.

Ernst: Und es würde dir schwer werden, eins von jenen nachteiligen Dingen zu nennen.

Falk: Die auch aus der besten Staatsverfassung notwendig entspringen müssen? - O zehne für eines.

Ernst: Nur eines erst.

Falk: Wir nehmen also die beste Staatsverfassung für erfunden an; wir nehmen an, dass alle Menschen in der Welt in dieser besten Staatsverfassung leben: würden deswegen alle Menschen in der Welt nur einen Staat ausmachen?

Ernst: Wohl schwerlich. Ein so ungeheurer Staat würde keiner Verwaltung fähig sein. Er müsste sich also in mehrere kleine Staaten verteilen, die alle nach den nämlichen Gesetzen verwaltet würden.

Falk: Das ist: die Menschen würden auch dann noch Deutsche und Franzosen, Holländer und Spanier, Russen und Schweden sein, oder wie sie sonst heißen würden.

Ernst: Ganz gewiss!

Falk: Nun, da haben wir ja schon eines. Denn nicht wahr, jeder dieser kleinern Staaten hätte sein eigenes Interesse? Und jedes Glied derselben hätte das Interesse seines Staats?

Ernst: Wie anders?

Falk: Diese verschiedenen Interessen würden öfters in Kollision kommen, so wie jetzt: und zwei Glieder aus zwei verschiedenen Staaten würden einander ebenso wenig mit unbefangenem Gemüt begegnen können, als jetzt ein Deutscher einem Franzose, ein Franzose einem Engländer begegnet.

Ernst: Sehr wahrscheinlich!

Falk: Das ist: wenn jetzt ein Deutscher einem Franzosen, ein Franzose einem Engländer oder umgekehrt begegnet, so begegnet nicht mehr ein bloßer Mensch einem bloßen Menschen die vermögen ihrer gleichen Natur gegeneinander angezogen werden; sondern ein solcher Mensch begegnet einem solchen Menschen, die ihrer verschiednen Tendenz sich bewusst sind, welches sie gegeneinander kalt, zurückhaltend, misstrauisch macht, noch ehe sie für ihre einzelne Person das geringste miteinander zu schaffen und zu teilen haben.

Ernst: Das ist leider wahr.

Falk: Nun, so ist es denn auch wahr, dass das Mittel, welches die Menschen vereinigt, um sie durch diese Vereinigung ihres Glückes zu versichern, die Menschen zugleich trennt.

Ernst: Wenn du es so verstehst.

Falk: Tritt einen Schritt weiter. Viele von den kleinern Staaten würden ein ganz verschiedenes Klima, folglich ganz verschiedene Bedürfnisse und Befriedigungen, folglich ganz verschiedene Gewohnheiten und Sitten, folglich ganz verschiedene Sittenlehren, folglich ganz verschiedene Religionen haben. Meinst du nicht?

Ernst: Das ist ein gewaltiger Schritt!

Falk: Die Menschen würden auch dann noch Juden und Christen und Türken und dergleichen sein.

Ernst: Ich getraue mir nicht nein zu sagen.

Falk: Würden sie das, so würden sie auch, sie möchten heißen, wie sie wollten, sich untereinander nicht anders verhalten, als sich unsere Christen und Juden und Türken von jeher untereinander verhalten haben. Nicht als bloße Menschen gegen bloße Menschen, sondern als solche Menschen gegen solche Menschen, die sich einen gewissen geistigen Vorzug streitig machen und darauf Rechte gründen, die dem natürlichen Menschen nimmermehr einfallen könnten.

Ernst: Das ist sehr traurig, aber leider doch sehr vermutlich.

Falk: Nur vermutlich?

Ernst: Denn allenfalls dächte ich doch, so wie du angenommen hast, dass alle Staaten einerlei Verfassung hätten, dass sie auch wohl eine einerlei Religion haben könnten. Ja, ich begreife nicht, wie einerlei Staatsverfassung ohne einerlei Religion auch nur möglich ist.

Falk: Ich ebenso wenig. - Auch nahm ich jenes nur an, um deine Ausflucht abzuschneiden. Eines ist zuverlässig ebenso unmöglich als das andere. Ein Staat: mehrere Staaten. Mehrere Staaten: mehrere Staatsverfassungen. Mehrere Staatsverfassungen: mehrere Religionen.

Ernst: Ja, ja, so scheint es.

Falk: So ist es. - Nun sieh da das zweite Unheil, welches die bürgerliche Gesellschaft, ganz ihrer Absicht entgegen, verursacht. Sie kann die Menschen nicht vereinigen, ohne sie zu trennen; nicht trennen, ohne Klüfte zwischen ihnen zu befestigen, ohne Scheidemauern durch sie hinzuziehen.

Ernst: Und wie schrecklich diese Klüfte sind! Wie unübersteiglich oft diese Scheidemauern!

Falk: Lass mich noch das dritte hinzufügen. Nicht genug, dass die bürgerliche Gesellschaft die Menschen in verschiedene Völker und Religionen teilt und trennt. - Diese Trennung in wenige große Teile, deren jeder für sich ein Ganzes wäre, wäre doch immer noch besser als gar kein Ganzes. Nein, die bürgerliche Gesellschaft setzt ihre Trennung auch in jedem dieser Teile gleichsam bis ins Unendliche fort.

Ernst: Wieso?

Falk: Oder meinst du, dass ein Staat sich ohne Verschiedenheit von Ständen denken lässt? Er sei gut oder schlecht, der Vollkommenheit mehr oder weiniger nahe: unmöglich können alle Glieder desselben unter sich das nämliche Verhältnis haben. - Wenn sie auch alle an der Gesetzgebung Anteil haben, so können sie doch nicht gleichen Anteil haben, wenigstens nicht gleich unmittelbaren Anteil. Es wird also vornehmere und geringere Glieder geben. - Wenn anfangs auch alle Besitzungen des Staats unter sie gleich verteilt worden, so kann diese gleiche Verteilung doch keine zwei Menschenalter bestehen. Einer wird sein Eigentum besser zu nutzen wissen als der andere. Einer wird sein schlechter genutztes Eigentum gleichwohl unter mehrere Nachkommen zu verteilen haben als der andere. Es wird also reichere und ärmere Glieder geben.

Ernst: Das versteht sich.

Falk: Nun überlege, wieviel Übel es in der Welt wohl gibt, das in dieser Verschiedenheit der Stände seinen Grund nicht hat.

Ernst: Wenn ich dir doch widersprechen könnte! - Aber was hatte ich für Ursache, dir überhaupt zu widersprechen? - Nun ja, die Menschen sind nur durch Trennung zu vereinigen! nur durch unaufhörliche Trennung in Vereinigung zu erhalten! Das ist nun einmal so. Das kann nun nicht anders sein.

Falk: Das sage ich eben!

Ernst: Also, was willst du damit? Mir das bürgerliche Leben dadurch verleiden? Mich wünschen machen, dass den Menschen der Gedanke, sich in Staaten zu vereinigen, nie möge gekommen sein?

Falk: Verkennst du mich so weit? - Wenn die bürgerliche Gesellschaft auch nur das Gute hätte, dass allein in ihr die menschliche Vernunft angebaut werden kann: ich würde sie auch bei weit größeren Übeln noch segnen.

Ernst: Wer des Feuers genießen will, sagt das Sprichwort, muss sich den Rauch gefallen lassen.

Falk: Allerdings! - Aber weil der Rauch bei dem Feuer unvermeidlich ist: durfte man darum keinen Rauchfang erfinden? Und der den Rauchfang erfand, war der darum ein Feind des Feuers? - Sieh, dahin wollte ich.

Ernst: Wohin? - Ich verstehe dich nicht.

Falk: Das Gleichnis war doch sehr passend. - Wenn die Menschen nicht anders in Staaten vereinigt werden konnten als durch jene Trennungen: werden sie darum gut, jene Trennungen?

Ernst: Das wohl nicht.

Falk: Werden sie darum heilig, jene Trennungen?

Ernst: Wie heilig?

Falk: Dass er verboten sein sollte, Hand an sie zu legen?

Ernst: In Absicht? ...

Falk: In Absicht, sie nicht größer einreißen zu lassen, als die Notwendigkeit erfordert. In Absicht, ihre Folgen so unschädlich zu machen als möglich.

Ernst: Wie könnte das verboten sein?

Falk: Aber geboten kann es doch auch nicht sein; durch bürgerliche Gesetze nicht geboten! - Denn bürgerliche Gesetze erstrecken sich nie über die Grenzen ihres Staats. Und dieses würde nun gerade außer den Grenzen aller und jeder Staaten liegen. - Folglich kann es nur ein Opus supererogatum sein: und es wäre bloß zu wünschen, dass sich die Weisesten und Besten eines jeden Staats diesem Operi superogato freiwillig unterzögen.

Ernst: Bloß zu wünschen; aber recht sehr zu wünschen.

Falk: Ich dächte! Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, die über die Vorurteile der Völkerschaft hinweg wären und genau wüssten, wo Patriotismus Tugend zu sein aufhört.

Ernst: Recht sehr zu wünschen!

Falk: Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, die dem Vorurteile ihrer angebornen Religion nicht unterlägen; nicht glaubten, dass alles notwendig gut und wahr sein müsse, was sie für gut und wahr erkennen.

Ernst: Recht sehr zu wünschen!

Falk: Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, welche bürgerliche Hoheit nicht blendet und bürgerliche Geringfügigkeit nicht ekelt; in deren Gesellschaft der Hohe sich gern herablässt und der Geringe sich dreist erhebt.

Ernst: Recht sehr zu wünschen!

Falk: Und wenn er erfüllt wäre, dieser Wunsch?

Ernst: Erfüllt? - Es wird freilich hier und da, dann und wann einen solchen Mann geben.

Falk: Nicht bloß hier und da; nicht bloß dann und wann.

Ernst: Zu gewissen Zeiten, in gewissen Ländern auch mehrere.

Falk: Wie, wenn es dergleichen Männer jetzt überall gäbe? zu allen Zeiten nun ferner geben müsste?

Ernst: Wollte Gott!

Falk: Und diese Männer nicht in einer unwirksamen Zerstreuung lebten? Nicht immer in einer unsichtbaren Kirche?

Ernst: Schöner Traum!

Falk: Dass ich es kurz mache. - Und diese Männer die Freimaurer wären?

Ernst: Was sagst du?

Falk: Wie, wenn es die Freimaurer wären, die sich mit zu ihrem Geschäfte gemacht hätten, jene Trennungen, wodurch die Menschen einander so fremd werden, so eng als möglich wieder zusammenzuziehen?

Ernst: Die Freimaurer?

Falk: Ich sage: mit zu ihrem Geschäfte.

Ernst: Die Freimaurer?

Falk: Ach! verzeih! - Ich hatt' es schon wieder vergessen, dass du von den Freimaurern weiter nicht hören willst. - Dort winkt man uns eben zum Frühstück. Komm!

Ernst: Nicht doch! - Noch einen Augenblick! - Die Freimaurer, sagst du --

Falk: Das Gespräch brachte mich wider Willen auf sie zurück. Verzeih! - Komm! Dort in der größeren Gesellschaft werden wir bald Stoff zu einer tauglichern Unterredung finden. Komm!

 

Drittes Gespräch

Ernst: Du bist mir den ganzen Tag im Gedränge der Gesellschaft ausgewichen. Aber ich verfolge dich in dein Schlafzimmer.

Falk: Hast du mir so etwas Wichtiges zu sagen? Der bloßen Unterhaltung bin ich auf heute müde.

Ernst: Du spottest meiner Neugierde.

Falk: Deiner Neugierde?

Ernst: Die du diesen Morgen so meisterhaft zu erregen wusstest.

Falk: Wovon sprachen wir diesen Morgen?

Ernst: Von den Freimaurern.

Falk: Nun? - Ich habe dir im Rausche des Pyrmonter doch nicht das Geheimnis verraten?

Ernst: Das man, wie du sagst, nicht verraten kann.

Falk: Nun freilich; das beruhigt mich wieder.

Ernst: Aber du hast mir doch über die Freimaurer etwas gesagt, das mir unerwartet war; das mir auffiel; das mich denken machte.

Falk: Und was war das?

Ernst: 0 quäle mich nicht! - Du erinnerst dich dessen gewiss.

Falk: Ja, es fällt mir nach und nach wieder ein. - Und das war es, was dich den ganzen langen Tag unter deinen Freunden und Freundinnen so abwesend machte?

Ernst: Das war es! - Und ich kann nicht einschlafen, wenn du mir wenigstens nicht noch eine Frage beantwortest.

Falk: Nach dem die Frage sein wird.

Ernst: Woher kannst du mir aber beweisen, wenigstens nur wahrscheinlich machen, dass die Freimaurer wirklich jene große und würdige Absichten haben?

Falk: Halbe ich dir von ihren Absichten gesprochen? Ich wüsste nicht. - Sondern da du dir gar keinen Begriff von den wahren Taten der Freimaurer machen konntest, habe ich dich bloß auf einen Punkt aufmerksam machen wollen, wo noch so vieles geschehen kann, wovon sich unsere staatsklugen Köpfe gar nichts träumen lassen. - Vielleicht, dass die Freimaurer da herum arbeiten. Vielleicht! - Da herum! - Nur um dir dein Vorurteil zu benehmen, dass alle baubedürftigen Plätze schon herausgefunden und besetzt, alle nötige Arbeiten schon unter die erforderlichen Hände verteilt wären.

Ernst: Wende dich jetzt, wie du willst - Genug, ich denke mir nun aus deinen Reden die Freimaurer als Leute, die es freiwillig über sich genommen haben, den unvermeidlichen Übeln des Staats entgegen zu arbeiten.

Falk: Dieser Begriff kann den Freimaurern wenigstens keine Schande machen. - Bleib dabei! - Nur fasse ihn recht. Menge nichts hinein, was nicht hineingehört. - Den unvermeidlichen Übeln des Staats! - Nicht dieses und jenes Staats. Nicht den unvermeidlichen Übeln, welche, eine gewisse Staatsverfassung einmal angenommen, aus dieser angenommenen Staatsverfassung nun notwendig folgen. Mit diesen gibt sich der Freimaurer niemals ab; wenigstens nicht als Freimaurer. Die Linderung und Heilung dieser überlässt er dem Bürger, der sich nach seiner Einsicht, nach seinem Mute, auf seine Gefahr damit befassen mag. Übel ganz andrer Art, ganz höherer Art sind der Gegenstand seiner Wirksamkeit.

Ernst: Ich habe das sehr wohl begriffen. - Nicht Übel, welche den missvergnügten Bürger machen, sondern Übel, ohne welche auch der glücklichste Bürger nicht ein kann.

Falk: Recht! Diesen entgegen - wie sagtest du? - entgegen zu arbeiten?

Ernst: Ja!

Falk: Das Wort sagt ein wenig viel. - Entgegenarbeiten! - Um sie völlig zu heben? - Das kann nicht sein. Denn man würde den Staat selbst mit ihnen zugleich vernichten. - Sie müssen nicht einmal denen mit eins merklich gemacht werden, die noch gar keine Empfindung davon haben. Höchstens diese Empfindung in dem Menschen von weitem veranlassen, ihr Aufkeimen begünstigen, ihre Pflanzen versetzen, begäten, beblatten - kann hier entgegenarbeiten heißen. - Begreifst du nun, warum ich sagte, ob die Freimaurer schon immer tätig wären, dass Jahrhunderte dennoch vergehen könnten, ohne dass sich sagen lasse: das haben sie getan.

Ernst: Und verstehe auch nun den zweiten Zug des Rätsels. - Gute Taten, welche gute Taten entbehrlich machen sollen.

Falk: Wohl! - Nun geh und studiere jene Übel und lerne sie alle kennen und wäge all ihre Einflüsse gegeneinander ab, und sei versichert, dass dir dieses Studium Dinge aufschließen wird, die in Tagen der Schwermut die niederschlagensten, unauflöslichsten Einwürfe wider Vorsehung und Tugend zu sein scheinen. Dieser Aufschluss, diese Erleuchtung wird dich ruhig und glücklich machen - auch ohne Freimaurer zu heißen.

Ernst: Du legst auf dieses heißen so viel Nachdruck.

Falk: Weil man etwas sein kann, ohne es zu heißen.

Ernst: Gut das! ich versteh' - Aber auf meine Frage wieder zu kommen, die ich nur ein wenig anders einkleiden muss. Da ich sie doch nun kenne, die Übel, gegen welche die Freimaurerei angeht.

Falk: Du kennst sie?

Ernst: Hast du mir sie nicht selbst genannt?

Falk: Ich habe dir einige zur Probe namhaft gemacht. Nur einige von denen, die auch dem kurzsichtigsten Auge einleuchten; nur einige von den unstreitigsten, weitumfassendsten. - Aber wie viele sind nicht noch übrig, die, ob sie schon nicht so einleuchten, nicht so unstreitig sind, nicht so viel umfassen, dennoch nicht weniger gewiss, nicht weniger notwendig sind!

Ernst: So lass mich meine Frage denn bloß auf diejenigen Stücke einschränken, die du mir selbst namhaft gemacht hast. - Wie beweist du mir auch nur von diesen Stücken, dass die Freimaurer wirklich ihr Absehen darauf haben? - Du schweigst? - Du sinnst nach?

Falk: Wahrlich nicht dem, was ich auf diese Frage zu antworten hätte! - Aber ich weiß nicht, was ich mir für Ursachen denken soll, warum du mir diese Frage tust.

Ernst: Und du willst mir meine Frage beantworten, wenn ich dir die Ursachen derselben sage?

Falk: Das verspreche ich dir.

Ernst: Ich kenne und fürchte deinen Scharfsinn.

Falk: Meinen Scharfsinn?

Ernst: Ich fürchte, du verkaufst mir deine Spekulation für Tatsache.

Falk: Sehr verbunden!

Ernst: Beleidigt dich das?

Falk: Vielmehr muss ich dir danken, dass du Scharfsinn nennest, was du ganz anders hättest benennen können.

Ernst: Gewiss nicht. Sondern ich weiß, wie leicht der Scharfsinnige sich selbst betrügt; wie leicht er andern Leuten Pläne und Absichten leiht und unterlegt, an die sie nie gedacht haben.

Falk: Aber woraus schließt man auf der Leute Pläne und Absichten? Aus ihren einzeln Handlungen doch wohl?

Ernst: Woraus sonst? - Und hier bin ich wieder bei meiner Frage. - Aus welchen einzeln, unstreitigen Handlungen der Freimaurer ist abzunehmen, dass es auch nur mit ihr Zweck ist, jene von dir benannte Trennung, welche Staat und Staaten unter den Menschen notwendig machen müssen, durch sich und in sich wieder zu vereinigen?

Falk: Und zwar ohne Nachteil dieses Staats und dieser Staaten.

Ernst: Desto besser! - Es brauchen auch vielleicht nicht Handlungen zu sein, woraus jenes abzunehmen. Wenn es nur gewisse Eigentümlichkeiten, Besonderheiten sind, die dahin leiten oder daraus entspringen. - Von dergleichen müsstest du sogar in deiner Spekulation ausgegangen sein; gesetzt, dass dein System nur Hypothese wäre.

Falk: Dein Misstrauen äußert sich noch. - Aber ich hoffe, es soll sich verlieren, wenn ich dir ein Grundgesetz der Freimaurer zu Gemüte führe.

Ernst: Und welches?

Falk: Aus welchem sie nie ein Geheimnis gemacht haben. Nach welchem sie immer vor den Augen der ganzen Welt gehandelt haben.

Ernst: Das ist?

Falk: Das ist, jeden würdigen Mann von gehöriger Anlage, ohne Unterschied des Vaterlandes, ohne Unterschied der Religion, ohne Unterschied seines bürgerlichen Standes in ihren Orden aufzunehmen.

Ernst: Wahrhaftig!

Falk: Freilich scheint dieses Grundgesetze dergleichen Männer, die über jene Trennungen hinweg sind, vielmehr bereits vorauszusetzen als die Absicht zu haben, sie zu bilden. Allein das Nietrum muss ja wohl in der Luft sein, ehe es sich als Salpeter an den Wänden anlegt.

Ernst: O ja!

Falk: Und warum sollten die Freimaurer sich nicht hier einer gewöhnlichen List haben bedienen dürfen? - Dass man einen Teil seiner geheimen Absichten ganz offenbar treibt, um den Argwohn irrezuführen, der immer ganz etwas anders vermutet, als er sieht.

Ernst: Warum nicht?

Falk: Warum sollte der Künstler, der Silber machen kann, nicht mit altem Bruchsilber handeln, damit man so weniger argwöhne, dass er es machen kann?

Ernst: Warum nicht?

Falk: Ernst! - Hörst du mich? - Du antwortest im Traum, glaub' ich.

Ernst: Nein, Freund! Aber ich habe genug; genug auf diese Nacht. Morgen mit dem frühsten kehre ich wieder nach der Stadt.

Falk: Schon? Und warum so bald?

Ernst: Du kennst mich, und fragst? Wie lange dauert deine Brunnenkur noch?

Falk: Ich habe sie vorgestern erst angefangen.

Ernst: So sehe ich dich vor dem Ende derselben noch wieder. - Lebe wohl! Gute Nacht!

Falk: Gute Nacht! Lebe wohl!

 

Zur Nachricht

Der Funke hatte gezündet: ERNST ging, und ward Freimaurer. Was er vors erste da fand, ist der Stoff eines 4ten und 5ten Gesprächs, mit welchen - sich der Weg scheidet.

 

Vorrede eines Dritten

Der Verfasser der ersten drei Gespräche hatte diese Fortsetzung, wie man weiß, im Manuskripte, zum Druck fertig liegen, als derselbe höheren Orts einen bittenden Wink bekam, dieselbe nicht bekannt zu machen.

Vorher aber hatte er dies vierte und fünfte Gespräch einigen Freunden mitgeteilt, welche, vermutlich ohne seine Erlaubnis, Abschriften davon genommen hatten. Eine dieser Abschriften war dem jetzigen Herausgeber durch einen sonderbaren Zufall in die Hände gefallen. Er bedauerte, dass so viel herrliche Wahrheiten unterdrückt werden sollten, und beschloss das Manuskript, ohne Winke zu haben, drucken zu lassen.

Wenn die Begierde, Licht über so wichtige Gegenstände allgemeiner verbreitet zu sehen, nicht diese Freiheit hinlänglich entschuldigt; so lässt sich nichts weiter zur Verteidigung derselben sagen, als dass der Herausgeber kein aufgenommener Maurer ist.

Übrigens wird man doch finden, dass er, aus Vorsicht und Achtung gegen einen gewissen Zweig dieser Gesellschaft, einige Namen, welche ganz ausgeschrieben waren, bei der Herausgabe nicht genannt hat.

 

Viertes Gespräch

Falk: Ernst! Willkommen! Endlich wieder einmal! Ich habe meine Brunnen-Kur längst beschlossen.

Ernst: Und befindest Dich wohl darauf? Ich freue mich.

Falk: Was ist das? Man hat nie ein: „ich freue mich“ ärgerlicher ausgesprochen.

Ernst: Ich bin es auch, und es fehlt wenig, dass ich es nicht über Dich bin.

Falk: Über mich?

Ernst: Du hast mich zu einem albernen Schritte verleitet – Sieh her! – Gib mir Deine Hand! – Was sagst Du? – Du zuckst die Achseln? Das hätte mir noch gefehlt.

Falk: Dich verleitet?

Ernst: Es kann sein, ohne dass Du es gewollt hast.

Falk: Und soll doch Schuld haben.

Ernst: Der Mann Gottes spricht dem Volke von einem Lande, da Milch und Honig innen fließt, und das Volk soll sich nicht darnach sehnen? Und soll über den Mann Gottes nicht murren, wenn er sie, anstatt in dieses gelobte Land, in dürre Wüsten führt?

Falk: Nun, nun! der Schaden kann doch so groß nicht sein – Dazu sehe ich ja, dass Du schon bei den Gräbern unserer Vorfahren gearbeitet hast.

Ernst: Aber sie waren nicht mit Flammen, sondern mit Rauch umgeben.

Falk: So warte, bis der Rauch sich verzieht, und die Flamme wird leuchten und wärmen.

Ernst: Der Rauch wird mich ersticken, ehe mir die Flamme leuchtet, und wärmen, sehe ich wohl, werden sich Andere an ihr, die den Rauch besser vertragen können.

Falk: Du sprichst doch nicht von Leuten, die sich vom Rauch gern beißen lassen, wenn es nur der Rauch einer fremden fetten Küche ist?

Ernst: Du kennst sie also doch?

Falk: Ich habe von ihnen gehört.

Ernst: Um so mehr, was konnte Dich bewegen mich auf dies Eis zu führen? Mir dazu Sachen vorzuspiegeln, deren Ungrund Du nur allzu wohl wusstest?

Falk: Dein Verdruss macht Dich sehr ungerecht – Ich sollte mit Dir von der Freimaurerei gesprochen haben, ohne es auf mehr als eine Art zu verstehen zu geben, wie unnütz es sei, dass jeder ehrliche Mann ein Freimaurer werde – wie unnütze nur? – ja, wie schädlich.

Ernst: Das mag wohl sein.

Falk: Ich sollte Dir nicht gesagt haben, dass man die höchsten Pflichten der Maurerei erfüllen könne, ohne ein Freimaurer zu heißen?

Ernst: Vielmehr erinnere ich mich dessen – Aber Du weißt ja wohl, wenn meine Fantasie einmal den Fittig ausbreitet, einen Schlag damit tut – kann ich sie halten? – Ich werfe Dir nichts vor, als dass Du ihr eine solche Lockspeise zeigtest. –

Falk: Die Du zu erreichen doch auch sehr bald müde geworden – Und warum sagtest Du mir nicht ein Wort von Deinem Vorsatze?

Ernst: Würdest Du mich davon abgeraten haben?

Falk: Ganz gewiss – Wer wollte einem raschen Knaben, weil er dann und wann noch fällt, den Gängelwagen wieder einschwätzen? Ich mache Dir kein Kompliment; Du warst schon zu weit, um von da wieder auszugehen. Gleichwohl konnte man mit Dir keine Ausnahme machen. Den Weg müssen Alle betreten.

Ernst: Es sollte mich auch nicht reuen ihn betreten zu haben, wenn ich mir nur von dem noch übrigen Wege mehr zu versprechen hätte. Aber Vertröstungen, und wieder Vertröstungen, und nichts als Vertröstungen!

Falk: Wenn man Dich doch schon vertröstet! Und auf was vertröstet man Dich denn?

Ernst: Du weißt ja wohl, auf die schottische Maurerei, auf den schottischen Ritter.

Falk: Nun ja, ganz recht – Aber wessen hat sich denn der schottische Ritter zu trösten?

Ernst: Wer das wüsste!

Falk: Und Deines Gleichen, die anderen Neulinge des Ordens, wissen denn die auch nichts?

Ernst: O die! die wissen so viel! die erwarten so viel! – Der Eine will Gold machen, der Andere will Geister beschwören, der Dritte will die *** wieder herstellen – Du lächelst – Und lächelst nur?

Falk: Was kann ich anders?

Ernst: Unwillen bezeugen über solche Querköpfe!

Falk: Wenn mich nicht Eins mit ihnen wieder versöhnte.

Ernst: Und was?

Falk: dass ich in allen diesen Träumereien Streben nach Wirklichkeit erkenne, dass sich aus allen diesen Irrwegen noch abnehmen lässt, wohin der wahre Weg geht.

Ernst: Auch aus der Goldmacherei?

Falk: Auch aus der Goldmacherei. Ob sich wirklich Gold machen lässt, oder nicht machen lässt, gilt mir gleichviel. Aber ich bin sehr versichert, dass vernünftige Menschen nur in Rücksicht auf Freimaurerei es machen zu können wünschen werden. Auch wird der erste der beste, dem der Stein der Weisen zu Teil wird, in dem nämlichen Augenblicke Freimaurer – Und es ist doch sonderbar, dass dieses alle Nachrichten bestätigen, mit welchen sich die Welt von wahren oder vermeinten Goldmachern trägt.

Ernst: Und die Geister-Beschwörer?

Falk: Von ihnen gilt ungefähr das nämliche – Unmöglich können Geister auf die Stimme eines anderen Menschen hören, als eines Freimaurers.

Ernst: Wie ernsthaft Du solche Dinge sagen kannst! –

Falk: Bei allem was heilig ist! nicht ernsthafter als sie sind.

Ernst: Wenn das wäre! – Aber endlich die neuen ***, wenn Gott will?

Falk: Vollends die!

Ernst: Siehst Du! Von denen weißt Du nichts zu sagen. Denn *** waren doch einmal, Goldmacher aber und Geister – Beschwörer gab es vielleicht nie. Und es lässt sich freilich besser sagen, wie die Freimaurer sich zu solchen Wesen der Einbildung verhalten, als zu wirklichen.

Falk: Allerdings kann ich mich hier nur in einem Dilemma ausdrücken: Entweder, oder –

Ernst: Auch gut! Wenn man nur wenigstens weiß, dass unter zwei Sätzen einer wahr ist: Nun! Entweder diese *** would be –

Falk: Ernst! Ehe Du noch eine Spötterei völlig aussagst! Auf mein Gewissen! – Diese – eben diese sind entweder gewiss auf dem rechten Wege, oder so weit davon entfernt, dass ihnen auch nicht einmal die Hoffnung mehr übrig ist, jemals darauf zu gelangen.

Ernst: Ich muss das so mit anhören. Denn Dich um eine nähere Erklärung zu bitten –

Falk: Warum nicht? Man hat lange genug aus Heimlichkeiten das Geheimnis gemacht.

Ernst: Wie verstehst Du das?

Falk: Das Geheimnis der Freimaurerei, wie ich Dir schon gesagt habe, ist das, was der Freimaurer nicht über seine Lippen bringen kann, wenn es auch möglich wäre, dass er es wollte. Aber Heimlichkeiten sind Dinge, die sich wohl sagen lassen, und die man nur zu gewissen Zeiten, in gewissen Ländern, teils aus Neid verhehlte, teils aus Furcht verbiss, teils aus Klugheit verschwieg.

Ernst: Zum Exempel?

Falk: Zum Exempel! Gleich diese Verwandtschaft unter *** und Freimaurern. Es kann wohl sein, dass es einmal nötig und gut war, sich davon nichts merken zu lassen – Aber jetzt – jetzt kann es im Gegenteil höchst verderblich werden, wenn man aus dieser Verwandtschaft noch länger ein Geheimnis macht. Man müsste sie vielmehr laut bekennen, und nur den gehörigen Punkt bestimmen, in welchem die *** die Freimaurer ihrer Zeit waren.

Ernst: Darf ich ihn wissen, diesen Punkt?

Falk: Lies die Geschichte der *** mit Bedacht! Du musst ihn erraten. Auch wirst Du ihn gewiss erraten, und eben das war die Ursache, warum Du kein Freimaurer hättest werden müssen.

Ernst: Dass ich nicht den Augenblick unter meinen Büchern sitze! – Und wenn ich ihn errate, willst Du mir gestehen, dass ich ihn erraten habe?

Falk: Du wirst zugleich finden, dass Du dieses Geständnis nicht brauchst – Aber auf mein Dilemma wieder zurückzukommen! Eben dieser Punkt ist es allein, woraus die Entscheidung desselben zu holen ist – Sehen und fühlen alle Freimaurer, welche jetzt mit den *** schwanger gehen, diesen rechten Punkt; Wohl ihnen! Wohl der Welt! Segen zu allem, was sie tun! Segen zu allem, was sie unterlassen! – Erkennen und fühlen sie ihn aber nicht, jenen Punkt; hat sie ein bloßer Gleichlaut verführt; hat sie bloß der Freimaurer der im ** arbeitet, auf die *** gebracht; haben sie sich nur in das – – – auf dem – – – vergafft; mögten sie nur gern einträgliche – – – – fette Pfründen sich und ihren Freunden zuteilen können; – Nun so schenke uns der Himmel recht viel Mitleid, damit wir uns des Lachens enthalten können.

Ernst: Sieh! Du kannst doch noch warm und bitter werden.

Falk: Leider! – Ich danke Dir für Deine Bemerkung, und bin kalt wieder, wie Eis.

Ernst: Und was meinst Du wohl, welcher von den beiden Fällen der Fall dieser Herren ist?

Falk: Ich fürchte der letztere – Mögt' ich mich betrügen! – Denn wenn es der erste wäre; wie könnten sie einen so seltsamen Anschlag haben? – die *** wieder herzustellen! – Jener große Punkt, in welchem die *** Freimaurer waren, hat nicht mehr Statt. Wenigstens ist Europa längst darüber hinaus, und bedarf darin weiter keines außerordentlichen Vorschubs – Was wollen sie also? Wollen sie auch ein voller Schwamm werden, den die Großen einmal ausdrücken? – Doch an wen diese Frage? Und wider wen? Hast Du mir denn gesagt – Hast Du mir denn sagen können, dass mit diesen Grillen von Goldmachern, Geister-Bannern, ***, sich andre, als die Neulinge des Ordens schleppen? andere, als Kinder, als Leute, die Kinder zu missbrauchen kein Bedenken tragen? – Aber Kinder werden Männer – Lass sie nur! – Genug, wie gesagt, dass ich schon in dem Spielzeuge die Waffen erblicke, welche einmal die Männer mit sicherer Hand führen werden.

Ernst: Im Grunde, mein Freund! sind es auch nicht diese Kindereien, die mich unmutig machen. Ohne zu vermuten, dass etwas Ernsthaftes hinter ihnen sein könnte, sah ich über sie weg – Tonnen, dachte ich, den jungen Walfischen ausgeworfen! – Aber was mich nagt, ist das: dass ich überall nichts sehe, überall nichts höre, als diese Kindereien, dass von dem, dessen Erwartung Du in mir erregtest, keiner etwas wissen will. Ich mag diesen Ton angeben, so oft ich will, gegen wen ich will; niemand will einstimmen, immer und aller Orten das tiefste Stillschweigen.

Falk: Du meinst –

Ernst: Jene Gleichheit, die Du mir als Grundgesetz des Ordens angegeben; jene Gleichheit, die meine ganze Seele mit so unerwarteter Hoffnung erfüllte: sie endlich in Gesellschaft von Menschen atmen zu können, die über alle bürgerlichen Modifications hinweg zu denken verstehen, ohne sich an einer zum Nachteil eines Dritten zu versündigen – Falk: Nun?

Ernst: Sie wäre noch? Wenn sie jemals gewesen! – lass einen aufgeklärten Juden kommen, und sich melden! „Ja“ heißt es „ein Jude? Christ wenigstens muss freilich der Freimaurer sein. Es ist nur gleichviel was für ein Christ. Ohne Unterschied der Religion, heißt nur, ohne Unterschied der drei im heiligen römischen Reiche öffentlich geduldeten Religionen“ – Meinst Du auch so?

Falk: Ich nun wohl nicht.

Ernst: Lass einen ehrlichen Schuster, der bei seinem Leiste Muße genug hat, manchen guten Gedanken zu haben (wäre es auch ein Jakob Böhme und Hans Sachse) lass ihn kommen, und sich melden! „Ja“ heißt es „ein Schuster! freilich ein Schuster“ – Lass einen treuen, erfahrenen, versuchten Dienstboten kommen und sich melden – „Ja“ heißt es „dergleichen Leute freilich, die sich die Farbe zu ihrem Rocke nicht selbst wählen – Wir sind unter uns so gute Gesellschaft“

Falk: Und wie gute Gesellschaft sind sie denn?

Ernst: Ei nun! Daran habe ich allerdings weiter nichts auszusetzen, als dass es nur gute Gesellschaft ist, die man in der Welt so müde wird – Prinzen, Grafen, Herrn von, Offiziere, Räte von allerlei Beschlag, Kaufleute, Künstler – alle die schwärmen freilich ohne Unterschied des Standes in der Loge unter einander durch – Aber in der Tat sind doch alle nur von Einem Stande, und der ist leider – – – –

Falk: Das war nun wohl zu meiner Zeit nicht so – Aber doch! – Ich weiß nicht, ich kann nur raten – Ich bin zu lange Zeit außer aller Verbindung mit Logen, von welcher Art sie auch sein mögen – In die Loge vor jetzt, auf eine Zeit nicht können zugelassen werden, und von der Freimaurerei ausgeschlossen sein, sind doch noch zwei verschiedene Dinge.

Ernst: Wie so?

Falk: Weil Loge sich zur Freimaurerei verhält, wie Kirche zum Glauben. Aus dem äußeren Wohlstande der Kirche ist für den Glauben der Glieder nichts, gar nichts, zu schließen. Vielmehr gibt es einen gewissen äußerlichen Wohlstand derselben, von dem es ein Wunder wäre, wenn er mit dem wahren Glauben bestehen könnte. Auch haben sich beide noch nie vertragen, sondern eins hat das andere, wie die Geschichte lehrt, immer zu Grunde gerichtet. Und so auch, fürchte ich, fürchte ich –

Ernst: Was?

Falk: Kurz! Das Logen-Wesen, so wie ich höre, dass es itzt getrieben wird, will mir gar nicht zu Kopfe. Eine Kasse haben; Kapitale machen; diese Kapitale belegen; sie auf den besten Pfennig zu benutzen suchen; sich ankaufen wollen; von Königen und Fürsten sich Privilegien geben lassen; das Ansehn und die Gewalt derselben zu Unterdrückung der Brüder anwenden, die einer anderen Observanz sind, als der, die man so gern zum Wesen der Sache machen möge – Wenn das in die Länge gut geht! – Wie gern will ich falsch prophezeit haben!

Ernst: Je nun! Was kann denn werden? Der Staat fährt jetzt nicht mehr so zu. Und zudem sind ja wohl unter den Personen, die seine Gesetze machen, oder handhaben, selbst schon zu viel Freimaurer –

Falk: Gut! Wenn sie also auch von dem Staate nichts zu befürchten haben, was denkst Du wird eine solche Verfassung für Einfluss auf sie selbst haben? Geraten sie dadurch nicht offenbar wieder dahin, wovon sie sich losreißen wollten? Werden sie nicht aufhören zu sein, was sie sein wollen? – Ich weiß nicht ob Du mich ganz verstehst –

Ernst: Rede nur weiter!

Falk: Zwar! – ja wohl – nichts dauert ewig – Vielleicht soll dieses eben der Weg sein, den die Vorsicht ausersehen, dem ganzen jetzigen Schema der Freimaurerei ein Ende zu machen –

Ernst: Schema der Freimaurerei? Was nennst Du so? Schema?

Falk: Nun, Schema, Hülle, Einkleidung.

Ernst: Ich weiß noch nicht –

Falk: Du wirst doch nicht glauben, dass die Freimaurerei immer Freimaurerei gespielt?

Ernst: Was ist nun das? Die Freimaurerei nicht immer Freimaurerei gespielt?

Falk: Mit anderen Worten! Meinst Du denn, dass das, was die Freimaurerei ist, immer Freimaurerei geheißen? – Aber sieh! Schon Mittag vorbei! Da kommen ja bereits meine Gäste! Du bleibst doch?

Ernst: Ich wollte nicht, aber ich muss ja nun wohl. Denn mich erwartet eine doppelte Sättigung.

Falk: Nur bei Tische, bitte ich, kein Wort.

 

Fünftes Gespräch

Ernst: Endlich sind sie fort! – O die Schwätzer! – Und merktest Du denn nicht, oder wolltest Du nicht merken, dass der eine mit der Warze an dem Kinn – heiße er wie er will! – ein Freimaurer ist? Er klopfte so oft an.

Falk: Ich hörte ihn wohl. Ich merkte sogar in seinen Reden, was Dir wohl nicht so aufgefallen – Er ist von denen, die in Europa für die Amerikaner fechten –

Ernst: Das wäre nicht das Schlimmste an ihm.

Falk: Und hat die Grille, dass der Kongress eine Loge ist; dass da endlich die Freimaurer ihr Reich mit gewaffneter Hand gründen.

Ernst: Gibt es auch solche Träumer?

Falk: Es muss doch wohl.

Ernst: Und woraus nimmst Du diesen Wurm ihm ab?

Falk: Aus einem Zuge, der Dir auch schon einmal kenntlicher werden wird.

Ernst: Bei Gott! wenn ich wüsste, dass ich mich in den Freimaurern gar so betrogen hätte! –

Falk: Sei ohne Sorge, der Freimaurer erwartet ruhig den Aufgang der Sonne, und lässt die Lichter brennen, so lange sie wollen und können – Die Lichter auslöschen und, wenn sie ausgelöscht sind, erst wahrnehmen, dass man die Stümpfe doch wieder anzünden, oder wohl gar andre Lichter wieder aufstecken muss; das ist des Freimaurers Sache nicht.

Ernst: Das denke ich auch – Was Blut kostet ist gewiss kein Blut wert.

Falk: Vortrefflich! – nun frage, was Du willst! Ich muss Dir antworten.

Ernst: So wird meines Fragens kein Ende sein.

Falk: Nur kannst Du den Anfang nicht finden.

Ernst: Verstand ich Dich, oder verstand ich Dich nicht, als wir unterbrochen wurden? Widersprachst Du Dir, oder widersprachst Du Dir nicht? – Denn allerdings, als Du mir einmal sagtest: Die Freimaurerei sei immer gewesen, verstand ich es also, dass nicht allein ihr Wesen, sondern auch ihre gegenwärtige Verfassung sich von undenklichen Zeiten herschreibe.

Falk: Wenn es mit beiden einerlei Bewandtnis hätte! – Ihrem Wesen nach ist die Freimaurerei eben so alt, als die bürgerliche Gesellschaft. Beide konnten nicht anders als miteinander entstehen – Wenn nicht gar die bürgerliche Gesellschaft nur ein Sprössling der Freimaurerei ist. Denn die Flamme im Brennpunkte, ist auch Ausfluss der Sonne.

Ernst: Auch mir schimmert das so vor –

Falk: Es sei aber Mutter und Tochter, oder Schwester und Schwester; ihr beiderseitiges Schicksal hat immer wechselseitig in einander gewirkt. Wie sich die bürgerliche Gesellschaft befand, befand sich aller Orten auch die Freimaurerei, und so umgekehrt. Es war immer das sicherste Kennzeichen einer gesunden, nervösen Staatsverfassung, wenn sie die Freimaurerei neben sich blühen ließ; so wie es noch jetzt das unfehlbare Merkmal eines schwachen, furchtsamen Staats ist, wenn er das nicht öffentlich dulden will, was er in Geheim doch dulden muss, er mag wollen oder nicht.

Ernst: Zu verstehen: die Freimaurerei!

Falk: Sicherlich! – Denn die beruht im Grunde nicht auf äußerlichen Verbindungen, die so leicht in bürgerliche Anordnungen ausarten; sondern auf dem gemeinschaftlichen Gefühl sympathisierender Geister.

Ernst: Und wer unterfängt sich dem zu gebieten?

Falk: Indes hat freilich die Freimaurerei immer und aller Orten sich nach der bürgerlichen Gesellschaft schmiegen und biegen müssen, denn diese war stets die stärkere. So mancherlei die bürgerliche Gesellschaft gewesen, so mancherlei Formen hat auch die Freimaurerei anzunehmen sich nicht entbrechen können, und hatte jede neue Form, wie natürlich, ihren neuen Namen. Wie kannst Du glauben, dass der Name Freimaurerei älter sein werde, als diejenige herrschende Denkungsart der Staaten, nach der sie genau abgewogen worden?

Ernst: Und welches ist diese herrschende Denkungsart?

Falk: Das bleibt Deiner eigenen Nachforschung überlassen – Genug, wenn ich Dir sage, dass der Name Freimaurer, ein Glied unserer geheimen Verbrüderung anzuzeigen, vor dem Anfange dieses laufenden Jahrhunderts nie gehört worden. Er kommt zuverlässig vor dieser Zeit in keinem gedruckten Buche vor, und den will ich sehen, der mir ihn auch nur in einer geschriebenen älteren Urkunde zeigen will.

Ernst: Das heißt: den deutschen Namen.

Falk: Nein, nein! auch das ursprüngliche Free- Mason, so wie alle darnach gemodelte Übersetzungen, in welcher Sprache es auch sein mag.

Ernst: Nicht doch! – Besinne Dich – In keinem gedruckten Buche vor dem Anfange des laufenden Jahrhunderts? In keinem?

Falk: In keinem.

Ernst: Gleichwohl habe ich selbst –

Falk: So? – Ist auch Dir von dem Staube etwas in die Augen geflogen, den man um sich zu werfen noch nicht aufhört?

Ernst: Aber doch die Stelle in –

Falk: In der Londinopolis? Nicht wahr? – Staub!

Ernst: Und die Parlaments-Akte unter Heinrich dem sechsten?

Falk: Staub!

Ernst: Und die großen Privilegia, die Karl der elfte, König von Schweden, der Loge von Gothenburg erteilte?

Falk: Staub!

Ernst: Und Locke?

Falk: Was für eine Locke?

Ernst: Der Philosoph – Sein Schreiben an den Grafen von Pembrock; seine Anmerkungen über ein Verhör, von Heinrich des sechsten eigener Hand geschrieben?

Falk: Das muss ja wohl ein ganz neuer Fund sein; den kenne ich nicht – Aber wieder Heinrich der Sechste? – Staub! und nichts als Staub!

Ernst: Nimmermehr!

Falk: Weißt Du einen gelinderen Namen für Wort- Verdrehungen, für untergeschobene Urkunden?

Ernst: Und das hätten sie so lange vor den Augen der Welt ungerügt treiben dürfen?

Falk: Warum nicht? der Klugen sind viel zu wenig, als dass sie allen Geckereien, gleich bei ihrem Entstehen, widersprechen könnten. Genug, dass bei ihnen keine Verjährung Statt findet – Freilich wäre es besser, wenn man vor dem Publico ganz und gar keine Geckereien unternähme. Denn gerade die Verächtlichste kann eben dadurch, dass sie die verächtlichste ist, dass sich niemand die Mühe nimmt, sich ihr entgegen zu stellen, mit dem Laufe der Zeit das Ansehn einer sehr ernsthaften, heiligen Sache gewinnen. Da heißt es dann über tausend Jahren: „würde man das so in die Welt haben schreiben dürfen, wenn es nicht wahr gewesen wäre? Man hat diesen glaubwürdigen Männern damals nicht widersprochen, und ihr wollt ihnen jetzt widersprechen?“

Ernst: O Geschichte! O Geschichte! Was bist du?

Falk: Andersons kahle Rhapsodie, in welcher die Historie der Baukunst für die Historie des Ordens untergeschoben wird, möge noch hingehen! Für einmal, und für damals mochte das gut sein – Dazu war die Gaukelei so handgreiflich. – Aber dass man noch jetzt auf diesem morastigen Grunde fortbaut, dass man noch immer gedruckt behaupten will, was man mündlich gegen einen ernsthaften Mann vorzugeben sich schämt, dass man zu Fortsetzung eines Scherzes, den man längst hätte sollen fallen lassen, sich eine forgery erlaubt, auf welche, wenn sie ein nichtswürdiges bürgerliches Interesse betrifft, die pillory steht –

Ernst: Wenn es denn nun aber wahr wäre, dass hier mehr als Wortspiel vorwaltete? Wenn es nun wahr wäre, dass das Geheimnis des Ordens sich von Alters her unter dem homonymen Handwerke vornehmlich erhalten hätte? –

Falk: Wenn es wahr wäre?

Ernst: Und muss es nicht wahr sein? – Denn wie käme der Orden sonst dazu, die Symbole eben dieses Handwerks zu entlehnen? Eben dieses? Und warum keines andern?

Falk: Die Frage ist allerdings verfänglich.

Ernst: Ein solcher Umstand muss doch eine Ursache haben?

Falk: Und hat sie.

Ernst: Und hat sie? Und hat eine andere Ursache, als jene vermeinte?

Falk: Eine ganz andre.

Ernst: Soll ich raten, oder darf ich fragen?

Falk: Wenn Du mir schon eher eine andere Frage getan hättest, die ich längst erwarten musste, so würde Dir das Raten nun nicht schwer fallen.

Ernst: Eine andere Frage, die Du längst hättest erwarten müssen? –

Falk: Denn, wenn ich Dir sagte, dass das was Freimaurerei ist, nicht immer Freimaurerei geheißen, was war natürlicher und näher –

Ernst: Als zu fragen, wie es sonst geheißen? – ja wohl! – So frage ich es denn nun.

Falk: Wie die Freimaurerei geheißen, ehe sie Freimaurerei hieß, fragst Du? – Massoney –

Ernst: Nun ja freilich! Masonry auf Englisch –

Falk: Auf Englisch nicht Masonry, sondern Masony. – Nicht von Mason, der Maurer, sondern von Mase, der Tisch, die Tafel.

Ernst: Mase, der Tisch? In welcher Sprache?

Falk: In der Sprache der Angelsachsen, doch nicht in dieser allein, sondern auch in der Sprache der Goten und Franken, folglich ein ursprünglich deutsches Wort, von welchem noch jetzt so mancherlei Abstammungen üblich sind, oder doch unlängst üblich waren, als: Maskopie, Masleidig, Masgenosse. Selbst Masoney war zu Luthers Zeiten noch häufig im Gebrauche; nur dass es seine gute Bedeutung ein wenig verschlimmert hatte.

Ernst: Ich weiß weder von seiner guten, noch von seiner verschlimmerten Bedeutung. Falk: Aber die Sitte unserer Vorfahren weißt Du doch, auch die wichtigsten Dinge am Tische zu überlegen? – Mase also der Tisch, und Masoney eine geschlossene, vertraute Tischgesellschaft. Und wie aus einer geschlossenen, vertrauten Tischgesellschaft ein Saufgelach worden, in welchem Verstande Agricola das Wort Masoney braucht, kannst Du leicht abnehmen –

Ernst: Wäre es dem Namen Loge vor einiger Zeit bald besser gegangen?

Falk: Vorher aber, ehe die Masoneyen zum Teil so ausarteten, und in der guten Meinung des Publikums so herabkamen, standen sie in desto größerem Ansehn. Es war kein Hof in Deutschland, weder klein noch groß, der nicht seine Masoney hatte. Die alten Lieder- und Geschichtsbücher sind davon Zeugen. Eigene Gebäude, die mit den Schlössern und Palästen der regierenden Herrn verbunden oder benachbart waren, hatten von ihnen ihre Benennung, von der man neuerer Zeit so manche ungegründete Auslegung hat – Und was brauche ich Dir zu ihrem Ruhme mehr zu sagen, als dass die Gesellschaft der runden Tafel die erste und älteste Masoney war, von der sie insgesamt abstammen?

Ernst: Der runden Tafel? das steigt in ein sehr fabelhaftes Altertum hinauf –

Falk: Die Geschichte des Königs Arthur sei so fabelhaft als sie will, die runde Tafel ist so fabelhaft nicht.

Ernst: Arthur soll doch der Stifter derselben gewesen sein.

Falk: Mit Nichten! Auch nicht einmal der Fabel nach – Arthur, oder sein Vater, hatten sie von den Angelsachsen angenommen, wie schon der Name Masoney vermuten lässt. Und was versteht sich mehr von selbst, als dass die Angelsachsen keine Sitte nach England herüber brachten, die sie in ihrem Vaterland nicht zurückließen? Auch sieht man es an mehreren deutschen Völkern damaliger Zeit, dass der Hang, in und neben der großen bürgerlichen Gesellschaft, kleinere vertraute Gesellschaften zu machen, ihnen eigen war.

Ernst: Hiermit meinst Du? –

Falk: Alles was ich Dir jetzt nur flüchtig und vielleicht nicht mit der gehörigen Präzision sage, mache ich mich anheischig das nächste Mal, dass ich mich mit Dir in der Stadt unter meinen Büchern befinde, schwarz auf weiß zu belegen – Höre mich jetzt nur, wie man das erste Gerücht irgend einer großen Begebenheit hört. Es reizt die Neugierde mehr, als dass es sie befriedigt.

Ernst: Wo bliebst Du?

Falk: Die Masoney also war eine deutsche Sitte, welche die Sachsen nach England verpflanzten. Die Gelehrten sind uneinig, wer die Mase-Thanes unter ihnen waren. Es waren allem Ansehen nach die Edlen der Masoney, welche so tiefe Wurzeln in diesem neuen Boden schlug, dass sie unter allen nachfolgenden Staatsveränderungen blieb, und sich von Zeit zu Zeit in der herrlichsten Blüte zeigte. Besonders waren die Masoneyen der *** im zwölften Jahrhundert und im dreizehnten in sehr großem Rufe. Und so eine *** Masoney war es, die sich, bis zu Ende des siebenzehnten Jahrhunderts, trotz der Aufhebung des Ordens, mitten in London erhalten hatte – Und hier fängt die Zeit an, wo die Fingerzeige der niedergeschriebenen Historie freilich ermangeln; aber eine sorgfältig aufbewahrte Tradition, die so viel innere Merkmale der Wahrheit hat, ist bereit diesen Mangel zu ersetzen.

Ernst: Und was hindert, diese Tradition endlich einmal durch schriftliche Verzeichnung zur Geschichte zu erheben?

Falk: Hindert? Nichts hindert! Alles rät vielmehr dazu an – Wenigstens fühle ich, ich fühle mich berechtigt, ja verpflichtet, Dir und Allen, welche sich mit Dir in dem nämlichen Falle befinden, länger kein Geheimnis daraus zu machen. Ernst: Nun denn! – Ich bin in der äußersten Erwartung.

Falk: Jene *** Masoney also, die noch zu Ausgang des vorigen Jahrhunderts in London bestand, aber in aller Stille bestand, hatte ihr Versammlungshaus unfern der Sankt Pauls-Kirche, die damals neu erbaut ward. Der Baumeister dieser zweiten Kirche der ganzen Welt war –

Ernst: Christoph Wren –

Falk: Und Du hast den Schöpfer der ganzen heutigen Freimaurerei genannt –

Ernst: Ihn?

Falk: Kurz! Wren, der Baumeister der St. Pauls-Kirche, in deren Nähe sich eine uralte Masoney, von undenklichen Jahren her, versammelte, war ein Mitglied dieser Masoney, welche er die dreißig Jahre über, die der Bau dauerte, um so öfter besuchte.

Ernst: Ich fange an ein Missverständnis zu wittern.

Falk: Nichts anders! Die wahre Bedeutung des Worts Masoney war bei dem englischen Volke vergessen, verloren – Eine Masony, die in der Nähe eines so wichtigen Baues lag, in der sich der Meister dieses Baues so fleißig finden ließ, was kann die anders sein, als eine Masonry, als eine Gesellschaft von Bauverständigen, mit welchen Wren die vorfallenden Schwierigkeiten überlegt? –

Ernst: Natürlich genug!

Falk: Die Fortsetzung eines solchen Baues einer solchen Kirche interessierte ganz London. Um Nachrichten davon aus der ersten Hand zu haben, bewarb sich jeder, der einige Kenntnisse von Baukunst zu haben vermeinte, um Zutritt zu der vermeinten Masonry – und bewarb sich vergebens. Endlich Du kennst Christoph Wren, nicht bloß dem Namen nach, Du weißt, welch ein erfindsamer, tätiger Kopf er war. Er hatte ehedem den Plan zu einer Sozietät der Wissenschaften entwerfen helfen, welche spekulativische Wahrheiten gemeinnütziger, und dem bürgerlichen Leben ersprießlicher machen sollte. Auf einmal fiel ihm das Gegenbild einer Gesellschaft bei, welche sich von der Praxis des bürgerlichen Lebens zur Spekulation erhöbe. „Dort, dachte er, würde untersucht, was unter dem Wahren, brauchbar; und hier, was unter dem Brauchbaren, wahr wäre. Wie, wenn ich einige Grundsätze der Masoney exoterisch machte? Wie, wenn ich das, was sich nicht exoterisch machen lässt, unter die Hieroglyphen und Symbole desjenigen Handwerks versteckte, was man jetzt unter dem Worte Masony so hartnäckig zu finden glaubt? Wie wenn ich die Masony zu einer Free- Masonry erweiterte, an welcher Mehrere Teil nehmen könnten?“ – So dachte Wren, und die Freimaurerei ward – Ernst! Wie ist dir?

Ernst: Wie einem Geblendeten.

Falk: Geht Dir nun einiges Licht auf?

Ernst: Einiges? Zuviel auf einmal.

Falk: Begreifst Du nun –

Ernst: Ich bitte Dich Freund, nichts mehr. – Aber hast Du nicht bald Verrichtungen in der Stadt?

Falk: Wünschest Du mich da?

Ernst: Wünsche? – nachdem Du mir versprochen –

Falk: So hab ich der Verrichtungen daselbst genug – Noch einmal! ich werde mich über manches aus dem Gedächtnisse zu schwankend, zu unbefriedigend ausgedruckt haben – Unter meinen Büchern sollst Du sehen und greifen – Die Sonne geht unter, Du musst in die Stadt. Lebe wohl! –

Ernst: Eine andre ging mir auf. Lebe wohl!

 

Nachricht

Ein sechstes Gespräch, welches unter diesen Freunden vorfiel, ist nicht so nachzubilden. Aber das Wesentliche davon ist zu kritischen Anmerkungen über das fünfte Gespräch bestimmt, die man zur Zeit noch zurückhält.