Festzeichnung zur Lichteinbringung

Sehr ehrwürdiger Großmeister,
ehrwürdigste Großmeister und Großbeamte im Osten,
liebe Schwestern und Brüder in all Euren Graden und Anreden!


Meinem Baustück zum Festakt habe ich die Überschrift „Veränderungen“ gegeben.

 

Liebe Schwestern und Brüder,


an diesem für uns so wichtigen und großen Tag der Feier zur Lichteinbringung in eine neue liberale Obödienz in Deutschland ist mein Thema „Veränderungen“.


Bertold Brecht hat einmal gesagt:
„Wer etwas verändern will, muss sich auch an der Veränderung beteiligen.“


Wir leben in einer Zeit, in der ständig Veränderungen auf allen Gebieten menschlichen Zusammenlebens und -wirkens stattfinden. Viele Menschen sind im Laufe der menschlichen Geschichte für Veränderungen eingetreten, haben zum Teil für ihre Überzeugungen, dass sich etwas ändern muss, ihr Leben eingesetzt und verloren. Auch Freimaurer waren vor dreihundert Jahren Wegbereiter für unsere heutige demokratische Gesellschaft.


Der „Souveräne GrossOrient von Deutschland“ ist der freimaurerische Zusammenschluss von Logen und Zirkeln, in denen gleichberechtigt Frauen und Männer das Brauchtum der freimaurerischen Traditionen pflegen und bewahren werden. Vor dem Souveränen GrossOrient und den Schwestern und Brüdern seiner Mitgliedslogen liegen große Aufgaben:

 

  1. Die individuelle Arbeit jeder Schwester und jedes Bruders an sich selbst und die lebenslange Aufgabe der Selbsterkenntnis. Die Suche nach Wahrheit und das Einüben von Toleranz und Solidarität gemeinsam mit den Schwestern und Brüdern innerhalb der Loge. Jede Schwester und jeder Bruder sollte die freimaurerischen Ideale leben, nicht nur innerhalb, sondern ganz besonders außerhalb der Loge.
  2. Die Arbeit in den Logen muss den Menschen in den Mittelpunkt stellen, der auf seiner Suche nach Wahrheit, durch die rituelle Arbeit mit Symbolen und den Weisheiten alter Kulturen gefördert wird sich selbst zu erkennen, Toleranz einzuüben und Solidarität zu erfahren.
  3. Die gesellschaftliche Arbeit: Die Logen wie auch der GrossOrient müssen sich den Fragen der Gegenwart stellen, die Änderungen und Wandlungen in der Gesellschaft kritisch begleiten, indem sie Szenarien und Repliken erarbeiten, die zum Wohle aller Bürgerinnen und Buerger gestaltet sein müssen. Die Logen des Souveränen GrossOrients sollten, je nach ihren Möglichkeiten, den Schwachen und Ausgegrenzten unserer Gesellschaft behilflich sein ein menschenwürdiges Leben zu führen.
  4. Die Arbeit in der Öffentlichkeit erfordert von den Mitgliedslogen und dem Souveränen GrossOrient das Verstecken hinter den Mauern von Logenhäusern endgültig aufzugeben. Wir haben und brauchen nichts zu verstecken. Wir sollten Kraft und Selbstvertrauen haben mit nichtfreimaurerischen Organisationen uns zu vernetzen um bestimmte Ziele zu erreichen. Maurerei - und das dürfen wir nie verdrängen - ist, neben der Arbeit am rauen Stein des Einzelnen, von ihrer ursprünglichen Idee her eine nach außen und in die Zukunft gerichtete ethisch-humanistische Bewegung, die ihr Arbeitsfeld in der Gesellschaft sieht.
  5. Die europäische Arbeit bedeutet mit allen liberalen und dogmenfreien Großlogen und Großorienten Verbindungen zu pflegen und gemeinsam mit diesen die freimaurerischen Prinzipien und Ideale auf europäischer Ebene zu vertreten. Gemeinsam wirken sie mit an dem Zusammenwachsen Europas.


Das Verhältnis der europäischen Völker zueinander hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine entscheidende Veränderung erfahren und damit gravierende Änderungen in das Leben der Menschen gebracht.

Wenn ich jetzt kurz auf die Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen eingehe, ist dies dem Wert geschuldet, dem wir Deutsche diesen Beziehungen beimessen.

Als der 1. Weltkrieg im August 1914 begann, war die Kriegsbegeisterung in Deutschland groß. Mein Großvater war im Februar 1916 dabei, als die deutsche Armee zum Sturm auf die französische Festungsanlage Verdun antrat. Die „Schlacht von Verdun“ ist deshalb erwähnenswert, weil die deutsche Armee nicht die gegnerischen Linien durchbrechen und Richtung Paris vorstoßen sollte, sondern sie hatte die Aufgabe, die französische Armee auszubluten. Es ist dem deutschen Oberbefehlshaber gelungen, aber nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte, denn es starben genauso viele deutsche Soldaten, wie französische, etwa 700.000 junge Männer innerhalb von fünf Monaten. Die Erfahrung der enormen Blutopfer bei Verdun prägen das Bild des Ersten Weltkriegs.

Nach dem Krieg bemühte sich Aristide Briand, mehrfach Ministerpräsident und Außenminister Frankreichs, zusammen mit dem deutschen Außenminister Gustav Stresemann, um die Förderung des Abrüstungsgedankens und eine deutsch-französische Aussöhnung als Voraussetzung eines den französischen Bedürfnissen entsprechenden Sicherheitssystems. Höhepunkt dieser Politik waren 1925 die Verträge von Locarno, und dafür erhielten beide Männer den Friedensnobelpreis.

Aristide Briand war „Chevalier du travail“ und Gustav Stresemann Freimaurer, aber Stresemanns Bemühungen um Aussöhnung mit Frankreich fand wenig Gegenliebe bei seinen deutschen Brüdern, insbesondere die nationalistisch eingestellten preußischen Großlogen verurteilten ihn und seine Politik. Diese Großlogen unterbanden auch den Versuch, französischer Brüder mit den deutschen Brüdern Kontakt aufzunehmen. Mir ist als heutiger Freimaurer unverständlich, wie meine damaligen Brüder diese Haltungen und Auffassungen mit den Prinzipien und Idealen der Freimaurerei in Übereinstimmung bringen konnten. Die Weltbruderkette hörte für die deutschen Brüder, wie unser Bruder Tucholsky 1924 sarkastisch bemerkte, kurz nach Saarbrücken auf, und daran hat sich für einen sehr großen Teil der deutschen Brüder bis heute nichts geändert.

Erst nach dem zweiten verheerenden Krieg fanden die kleinen und die großen Völker Westeuropas zuerst in der Montan-Union, dann in der Europaeischen Wirtschaftsgemeinschaft und seit dem Vertrag von Amsterdam in der Europaeischen Union gleichberechtigt zusammen.

Und nächstes Jahr treten zehn osteuropäische Länder, die während der Jahrzehnte des „Kalten Krieges“ unsere Feinde waren, dieser Union bei.

Dann sind alle unsere Grenzen offen, die wirtschaftlichen Bande mit unseren Nachbarn sind und werden so eng miteinander verknüpft, dass eine Trennung fast unmöglich ist. Wir haben eine gemeinsame Währung und demnächst eine gemeinsame Verfassung, alles Zeichen der Verbundenheit, aber dies sind nur die Rahmenbedingungen zu einem Zusammenwachsen Europas.

Zum endgültigen Zusammenwachsen bedarf es der Bürgerinnen und Buerger Europas, sie müssen eine europäische Identität und ein Bewusstsein entwickeln unter Berücksichtigung der kulturellen, historischen und religiösen Entwicklung der einzelnen Länder.

Dabei dürfen wir die dunklen Flecken in der Geschichte Europas nicht ignorieren. Neben Auschwitz in Polen, Lidice in Tschechien, Kalavitra auf den Peloponnes, Oradur-sur-Glane im Perigord, Buchenwald in Thüringen, Hadamar in Hessen und andere Orte - Orte, an denen Menschen ihren Mitmenschen Unsägliches angetan haben - sollten wir „Verdun“ nie vergessen, es ist und bleibt das Symbol für die Sinnlosigkeit des Krieges, die millionenfache Zerstörung von menschlichen Hoffnungen, Träumen und Liebe. Gerade für uns Freimaurerinnen und Freimaurer, für den Souveränen GrossOrient sollten diese Orte und die damit verbundenen Geschehnisse Mahnung und Auftrag sein, am Zusammenwachsen Europas mitzuwirken.


Wie wollen Freimaurer einen Beitrag zum Zusammenwachsen Europas leisten, wenn sie nicht zuvor der Spaltung durch die Auswüchse der Regularität in den eigenen Reihen entgegenwirken?


Insbesondere die in den „Vereinigten Großlogen von Deutschland“ zusammengeschlossenen Großlogen müssten diese Frage beantworten. Für den Souveränen GrossOrient gilt, dass wir mit allen Großlogen und Großorienten Europas brüderlich zusammenarbeiten wollen. Wir wollen zusammen mit ihnen die Prinzipen der „Charta der Grundrechte der Europaeischen Union“, die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ und unsere demokratische Staatsordnung vertreten und verteidigen. Mit ihnen zusammen wollen wir dafür eintreten, dass der erreichte soziale Standart erhalten bleibt und nicht dem Profitdenken internationaler Konzerne zum Opfer fällt.

Die Freimaurer hatten immer den Anspruch, Vordenker für die Gesellschaft zu sein. Anspruch und Wirklichkeit waren im 18. Jahrhundert sehr dicht beieinander, aber ab der Mitte des 19. Jahrhunderts klaffte eine immer größer werdende Lücke zwischen der Wirklichkeit und dem freimaurerischen Anspruch. Eine der wichtigsten gesellschaftlichen Veränderung, die Emanzipation der Frau, wird von einem großen Teil der deutschen Freimaurer bis heute verdrängt, sie erkennen Frauen als Freimaurerinnen nicht an.

Frauen gaben trotz schwerer Rückschläge und Enttäuschungen im Laufe der Jahrtausende ihren zähen Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung, gegen Unvernunft und männlichen Wahnsinn nie auf.

Konfuzius definierte das Wesen der Frau als das „Niedere“, „Schwache“, „Haltlose“ und „Gemeine“ und sprach vom „Yin-Prinzip“. Das „Yang-Prinzip“ war der Gegenpol und durch das Wesen des Mannes, das „Höhere“, „Stärkere“, „Feste“ und „Edle“ definiert. Er sprach davon, wenn die „Edlen“, die Männer, nicht herrschten, nähme das „Gemeine“, die Frauen, überhand, deshalb müsse es, d.h. die Frauen, durch geeignete Methoden systematisch unterdrückt werden.


Noch Anfang des letzten Jahrhunderts schrieb Sigmund Freud, dass das Wesen der Frau die Abweichung von der Normalität des Mannes sei, die Frau ist emotional, irrational und kann sich nur in Verbindung mit einem Mann als vollständiges Wesen betrachten. Wobei C.G. Jung dies noch unterstreicht, indem er schrieb, die Frau soll ihren Geist unterdrücken, um mit ihrer Seele dem Manne, dem der Geist sowieso angeboren ist, zu dienen, damit er seine Seele entfalten kann.


Nach dem 2. Weltkrieg waren es die Frauen, die wieder aufzuräumen begannen und als „Trümmerfrauen“ in die Geschichte eingingen. Sie hatten während des Krieges selbstständiges Handeln und Entscheiden gelernt. Was wurde aus der Selbstständigkeit dieser Frauen, die in Deutschland die Ersten waren, die ein Bedürfnis nach Wiederherstellung und Lebensmut zeigten?


In den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts kehrte in Deutschland die Gesellschaft zurück zu einer konservativen Familienidylle mit bürgerlichen Werten von vorgestern und dies in einer Atmosphäre des um jeden Preis Vergessen- und Verdrängen-Wollens.

Erst Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts begannen sich Söhne und Töchter aus dieser Pseudoidylle und deren Lebenslügen zu lösen. Der Kampf der Töchter gegen Verlogenheit, doppelte Moral und falsche Werte war dauerhafter als der Aufstand der Männer, und er hat die Gesellschaft in unserem Land mehr verändert, als manche Männer es wahrhaben wollen.


Auch heute noch ist die tradierte Vorstellung weit verbreitet: Die Welt der Gefühle den Frauen und die des Verstandes den Männern.

Dabei gibt es Emotionen, die den Verstand vernebeln, und solche, die ihn erhellen, bzw. ein Verstand ohne Wissen über seine Gefühle ist der Flachheit und den Begrenzungen des Denkens ausgeliefert. Forschungsergebnisse aus unterschiedlichsten Fachgebieten lassen klar erkennen, dass die Qualität des Verstandes von der Lebendigkeit der Gefühle abhängt, bzw. der Fähigkeit, diese differenziert wahrzunehmen. Dazu bringen Frauen die besseren Vorbedingungen mit.

Die den Frauen durch ihre Erziehung nahe gelegten Werte der „Weiblichkeit“ haben auch ihre Vorzüge, denn Frauen lernen durch deren Verinnerlichung differenzierter mit ihren Gefühlen umzugehen, der Kontakt zu ihrer Gefühlswelt ist gewöhnlich ungestörter als beim Mann. Sie kann sich deswegen leichter in andere Menschen einfühlen und den Anderen als Anderen wahrnehmen.

Verhaltensweisen, die Männern zugeschrieben werden, wie Durchsetzungsfähigkeit, Selbstbewusstsein, Freude am Erfolg, Erotik der Macht, von Frauen übernommen, können das Leben von Frauen wie Männern verändern und die Gesellschaft kreativ beeinflussen, sie von einer erstarrten weiblichen oder männlichen „Identität“ befreien. Sich emanzipieren müssen Frauen wie Männer, und dies wird für die Bewältigung der Zukunft unseres Landes, von Europa und der Welt unabdingbar sein.


Die Überbevölkerung, nicht nur in der so genannten „Dritten Welt“; durch skrupellose Wirtschaftskolonisierung, Naturzerstörung und Kriege ausgelöste Völkerwanderungen; selbstverschuldete Veränderungen des Klimas und vieles andere führen dazu, dass die Natur wie auch das internationale Gesellschaftsgefüge nicht mehr in der Balance ist. Welchem Ausmaß an Problemen wir gegenüber stehen, ist nur zu erahnen, aber eines sollten wir ganz genau wissen: Lösen können wir sie nur gemeinsam - Frauen und Männer in Respekt vor den Ausprägungen des jeweiligen Geschlechtes.

In den letzten zwei bis drei Jahrzehnten sind in Deutschland viele Frauen- und Mütterzentren entstanden ohne die Männer und ausschließlich für die Frauen. Hier ist ein Umdenkungsprozess zu beobachten, der langsam auch die Männer auf gleichberechtigter Basis wieder einbezieht. Diese Entwicklung korrespondiert mit dem Programm „Gender Mainstream“ der Europaeischen Union zur Gleichstellung von Frauen und Männern. In ihrer Begründung des Programms schreibt die Europäische Union: „Die Maßnahmen zur Gleichstellung erfordern ein ehrgeiziges Konzept, das von der Anerkennung der weiblichen und der männlichen Identität sowie der Bereitschaft zu einer ausgewogenen Teilung der Verantwortung zwischen Frauen und Männern ausgehen muss.“

Diesem ehrgeizigen Konzept hat sich der Souveräne GrossOrient verschrieben, die gleichberechtigte Zusammenarbeit von Freimaurerinnen und Freimaurern. Wir sind dabei keine Wegbereiter, wir folgen der gesellschaftlichen Entwicklung, weil wir der Auffassung sind, dass der Souveräne GrossOrient nur blühen kann, wenn wir mit allen Freimaurerinnen und Freimaurern über geschlechtliche und geographische Grenzen hinweg zusammenarbeiten.


Die Logen und der GrossOrient wollen, dass Wahrheit, Humanität und Toleranz in unserer Gesellschaft stärker verankert werden. Ohne diese Werte wird unsere Gesellschaft eines Tages auseinander brechen. Ich möchte heute nicht die Frage beantworten, was Wahrheit ist. Fakt ist, es wird in unserer Gesellschaft zuviel gelogen, und nicht nur die politisch Verantwortlichen, sondern auch die Werbung und die Medien lügen uns an. Die Wahrheit ist in unserer Gesellschaft nicht gefragt. Wer sie fordert, wird als zurückgeblieben, als Fossil betrachtet, und dies, weil alle Angst vor der Wahrheit haben, denn sie ist häufig sehr unbequem und mit Forderungen verbunden. Zur Selbsterkenntnis gehört genau genommen eine gnadenlose Ehrlichkeit, wer von uns ist schon dazu in der Lage, wenn es um unsere Schwächen und Vorurteile geht. Jeder von uns kennt seine kleinen Notlügen, trotzdem dürfen wir nicht nachlassen gegenüber uns selber und in der Gesellschaft mehr Wahrheit einzufordern. Das bedeutet für jeden einzelnen, für die Logen und den Souveränen GrossOrient, der Wahrheit verpflichtet und Vorbild zu sein.


Es ist einfach zu sagen: „Die Freimaurer haben sich der Humanität verpflichtet“. Denn: Hat die Freimaurerei es in 300 Jahren vermocht, Hunger und Not, Leid und Unterdrückung, Unrecht und Gewalt zu überwinden? Haben nicht die Menschen in allen Industriegesellschaften geglaubt und manche glauben es noch, dass der technologische Forschritt automatisch zu einer humanen Welt führt? Immer mehr zweifeln wir in den Industriegesellschaften daran - und dies meines Erachtens zu Recht -, dass der Schlüssel zum Glück des Menschen einzig die Technik und die Wissenschaft sei.

Und schauen wir in die Tageszeitung, dann wird der Tempel der Humanität, an dem wir bauen, immer kleiner anstatt größer.

Die Sehnsucht nach einer gerechteren und humaneren Welt ist bei vielen Menschen vorhanden. Dies kann man erkennen an den vielen Zeichen von Humanität und Brüderlichkeit rund um den Globus. Ärzte ohne Grenzen, Arbeiterpriester, Menschen, die sich in unserem Land um Einsame, Obdachlose, Süchtige kümmern, nicht nur bekannte Persönlichkeiten, sondern die vielen Unbekannten, die nie in das Rampenlicht der Öffentlichkeit treten werden. Diese Menschen machen mir Hoffnung, denn eines darf niemand in diesem Tempel vergessen: Gelebte Brüderlichkeit und Humanität beginnen immer bei jedem von uns. Nur wenn jede Freimaurerin und jeder Freimaurer Brüderlichkeit und Humanität in den kleinen Dingen des alltäglichen Lebens einübt und lebt, wird sie bzw. er sie nach außen glaubhaft vertreten können. Dies gilt auch für die Logen, wie für den Souveränen GrossOrient, Brüderlichkeit und Humanität zu leben.


Wie vieles in unserem Leben hat auch die Toleranz zwei Seiten. Negativ verstanden bedeutet sie Gleichgültigkeit gegenüber jedem Wahrheitsanspruch sowie gegenüber anderen Personen und deren Überzeugungen. Positiv bedeutet Toleranz Achtung und Respekt vor anderen Menschen und ihren verschiedenen Auffassungen und Meinungen.

Toleranz ist nichts Statisches, sie pendelt vom teilnahmslosen Achselzucken bis zum bedingungslosen JA, wobei der Abstand von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist, je nach Charakter und Persönlichkeit. Ebenso schwebt sie nicht in einem luftleeren Raum, sondern sie baut auf einem Fundament auf. Dieses Fundament beginnt zu entstehen durch unsere Erziehung und soziale Umwelt, wenn in uns der Grundstein zu einem selbstständig denkenden, selbstkritischen Menschen gelegt worden ist. Nur wer in sich gefestigt ist kann wahrhaft tolerant sein. Dieser Mensch betrachtet sein Gegenüber mit anderer Meinung, Abstammung, Sprache, Glauben und Hautfarbe als ein Gewinn für sich selber, als einen Posten auf der Haben-Seite.


Wir Freimaurerinnen und Freimaurer haben uns dazu verpflichtet, uns zu einem gefestigten Menschen zu entwickeln, denn dann können wir tolerant sein, unseren Schwestern, Brüdern und Mitmenschen gegenüber.

Natürlich müssen auch der Souveräne GrossOrient und seine Schwestern und Brüder Toleranz üben gegenüber den Brüdern und Schwestern, die uns heute noch ablehnen. Wir wollen auf sie zugehen, hoffen, dass in nicht allzu ferner Zukunft wir einander tolerieren und brüderlich zusammenarbeiten, um die Freimaurerei in Deutschland wieder zur Blüte zu bringen. Wir sollten ihnen klarmachen, dass jeder Versuch, uns und andere am Verbessern von Dingen zu hindern, sich gegen den Geist des Menschen richtet, denn nur Selbstvertrauen, Eigenverantwortung, der freie Wille zum Wandel und nicht der von oben oder außen aufgezwungene, sind die Triebfedern einer erfolgreichen Gemeinschaft, und zu dem wollen die Schwestern und Brüder den Souveränen GrossOrient entwickeln.

Die Wissenschaft lehrt uns heute, dass geschlossene Systeme langsam aber sicher dem Wärmetod entgegen gehen. Offene Systeme sind zumeist kreativ, chaotisch und lernfähig. Die Natur ist z.B. solch ein System, auch die heutige Gesellschaft entwickelt sich zu einem solchen offenen System. Der Souveräne GrossOrient und seine Mitgliedslogen sind der festen Überzeugung an dieser Entwicklung teilzunehmen, hin zu Offenheit, Lernfähigkeit und Kreativität. Die gesellschaftliche Entwicklung zu einem offenen System heißt für den Einzelnen, dass stützende Wertesysteme verschwinden und jeder für sich das wird, was die Soziologen als Ich-AG bezeichnen. Wir können, jeder von uns und als Gruppe, moralische Stütze und Vorbild sein, etwas an dem unsere Gesellschaft, gerade durch das Wegbrechen ganzer Werte- und Glaubenssysteme, einen großen Bedarf hat. Und dies können wir, ohne dogmatischen Hintergrund und dem Anspruch eine allein selig machende Lehre zu haben, tun.

Für die Schwestern und Brüder, die seit Jahren auf diesen Tag hingearbeitet haben, ist der heutige Tag ein bedeutungsvoller Tag, der uns mit großer Freude und auch Stolz erfüllt.

Wir sind dankbar für die Unterstützung durch unsere europäischen Schwestern und Brüder, die diesen Tag erst ermöglicht und weite Reisen auf sich genommen haben, um daran teilzunehmen und ihm Glanz zu verleihen.

Aber wir sind uns bewusst, dass die Arbeit nicht heute - heute wollen wir miteinander feiern und uns kennen lernen - sondern morgen beginnt, diesen unseren Souveränen GrossOrient von Deutschland zu einer starken Obödienz aufzubauen, und dazu bitte ich auch weiterhin um die Hilfe unserer europäischen Schwestern und Brüder.


Es geschehe also!

Gerhard Etzold-Jordan
GrossRedner des SGOvD
Festzeichnung zur Lichteinbringung des SGOvD am 04. Oktober 2003

 

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Die lichtbringenden Obödienzen
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