Gedanken zu Gegenwart und Zukunft

der Freimaurerei

Gottes ist der Orient!
Gottes ist der Okzident!
Nord- u. südliches Gelände
Ruht im Frieden seiner Hände.

Er, der einzige Gerechte,
Will für jedermann das Rechte.
Sei von deinen hundert Namen
Dieser hochgelobet Amen.

Mich verwirren will das Irren,
Doch Du weißt, mich zu entwirren.
Wenn ich handle, wenn ich dichte,
Gib Du meinem Weg die Richte.

J. W. von Goethe


Dieses Thema habe ich gewählt, da es gut in das vom Souveränen GrossOrient von Deutschland vorgegebene Thema, der Freimaurer im Spannungsfeld, zu passen scheint.

Die Titelfrage, die ich heute - naturgemäß subjektiv - zu beantworten versuche, besteht aus zwei Teilen:

Wo steht die Freimaurerei heute
und welcher Weg führte dahin?


Die heutige Freimaurerei - auch wie sie sich Eingeweihten darstellt - ist,

  1. uneins, wie eh und je in ihrer Geschichte, sie hat
  2. Nachwuchs -und damit Existenzprobleme, sie ist
  3. zur Bedeutungslosigkeit verkommen, sie stellt sich
  4. falsch dar und sie sollte
  5. schnellstens reformiert werden

Alles in allem auf den ersten Blick eine sehr abschlägige Standortbestimmung, die jedoch durch den Hinweis auf Reformations-Notwendigkeit einen Hoffnungsschimmer übrig lässt.

Wie kommt es, dass ein hoffnungsfroher, von der Sache begeisterter Bruder schon nach relativ kurzer Zeit sich zu einem derart pessimistischen Gesamturteil bekennt oder es sich anmaßt?

Um eine Antwort vorwegzunehmen: Es liegt an der - zugegebenermaßen nicht geringen - persönlichen Erfahrungen und nicht zuletzt auch am Studium einschlägiger Literatur, wie auch an universellen Gesprächen mit Schwestern und Brüdern. Ich bitte euch diese Aspekte bei der Bewertung meiner Zeichnung zu berücksichtigen.

Durch die Literatur erfuhr ich den Weg der Freimaurerei, zum heutigen Stand. Ihre Herkunft ist bis heute nicht restlos geklärt. Alle Versuche, sie zurückzuführen auf uralte Mysterienbünde, auf den Tempelherrenorden mit seinem zu den Stuarts in Schotland geretteten Ritual, auf Religionsstifter oder gar das Vorhandensein ihres Geistes bereits vor der Erschaffung der Welt, sind rein akademisch und sicher gut gemeint, aber historisch unhaltbar.

Fest steht nicht einmal die zeitliche Bestandsdauer von Bauhütten mit spekulativen Mitgliedern.

Der uns allen bekannte Johannistag, 1717 ist lediglich der Tag der Gründung einer Großloge, also eines Zusammenschlusses von mehreren, im konkreten Falle von vier Logen zu einer übergeordneten Einheit.

Mit der Erstellung der Satzung durch Anderson 1723 war die Freimaurerei etabliert. Alles Vorherige ist natürlich von historischem Interesse, hat aber keinerlei Auswirkung auf ihren eigentlichen Inhalt.

Wichtiger ist es herauszuarbeiten, wodurch ihre relativ schnelle weltweite Verbreitung möglich wurde. Ihre Entstehung fällt in die Zeit der Aufklärung, die Akteure spielten anders, als es die drei großen Dramatiker Voltaire, Montesquieu und Rousseau wollten.

Voltaire, der Kämpfer gegen die Kirche, jesuitisch erzogener Verfechter der Freiheit in allen Fragen des Geisteslebens.
Montesquieu, Jurist strebt eine Dreiteilung der Gewalten in Exekutive, Judikative und Legislative an.
Rousseau, alle Menschen sind von Natur gleich.

Mit diesen Charakterisierungen haben wir skizziert, wie der Ruf der Revolution an die Menschheit in seiner idealen Bedeutung zu verstehen ist. Sie darf nicht unerwähnt bleiben, da sie die Ideale der Freimaurerei berührt.
Die Freiheit in allen geistigen Fragen soll unser oberstes Prinzip sein.
Die Gleichheit vor Recht und Gesetz, da wir alle einen Ursprung haben.
Die Brüderlichkeit soll herrschen in allen materiellen Fragen.
In diesem Zeitgeist erschien die Freimaurerei als äußerst attraktiv sie fand zwischen Thron und Macht eine neue Macht die 3 großen Lichter der Freimaurerei,

die Charta, das Winkelmaß und der Zirkel.


So konnte es nicht verwundern, dass die katholische Kirche sehr bald die Unvereinbarkeit einer Zugehörigkeit von Katholiken im Freimaurerbund feststellte, was aufgrund des immer noch starken staatlichen Einflusses der Kirche in einigen Ländern zu ernsthaften Problemen für die Freimaurerei und insbesondere auch für Freimaurer führte.

Schwierigkeiten mit weltlichen Machthabern gab es weniger, was wohl auch daran lag, dass viele Mitglieder staatstragender Stände dem Freimaurerbunde angehörten.

Ich kann aus Zeitgründen nicht auf verschiedenartige Situationen der Freimaurerei in den einzelnen Ländern eingehen. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass die Freimaurerei sich offiziell aus den Belangen der Kirche und des Staates heraushielten. Nicht zuletzt deshalb sind bis heute religiöse und politische Themen bei Tempelarbeiten ausgeschlossen.

Im Laufe der Entwicklung der Freimaurerei gab es immer wieder Differenzen mit der Kirche, dem Staat und den Großlogen, die sich gegenseitig im schlimmsten die Anerkennung versagten. Dies führte insbesondere bei totalitär regierten Staaten zum völligen Verbot, der Freimaurerei. Objektiv gesehen bestand für Verbote oder Verleumdungen keine Stichhaltige, sachliche Begründung. Es kam noch erschwerend hinzu das die Freimaurerei der Behauptung nach ein Geheimbund sei und damit einem Verschwörerkreis nicht ausreichend widersprach, sondern wie heute zu sehen sich leidend zurück zieht. Das Bild, was sie dadurch in der Öffentlichkeit abgaben war sehr diffus und dazu angetan weitere Beschuldigungen und Verleumdungen heraus zu fordern. Eine Klarstellung wurde auch dadurch erschwert, dass sich Unterschiedliche und einander bekämpfende Großlogen in der Freimaurerei gebildet hatten.

Meines Erachtens habe ich nun die Entwicklung der Freimaurerei mit den Werkzeugen des Maurers, dem 24-zölligen Maßstab, um die Zeit mit Weisheit einzuteilen, sowie auf die eingangs erwähnte These einzugehen.

1. These

Die Freimaurerei ist uneins wie eh und je in ihrer Geschichte!

Schon bald nach der Gründung der ersten Großloge entstanden weitere Großlogen, die sich gegenseitig die Anerkennung versagten und darauf bestanden alleine die reine wahre Lehre zu verkörpern. Dies setzt sich insbesondere auch durch die Gründung einer neuen souveränen Großloge bis heute fort. Hinzu kommt das auseinandertriften der Freimaurer in den einzelnen europäischen Staaten, die sich trotz europäischer Verfassung letztendlich zu national Staaten entwickeln. Bis heute ist es nicht gelungen einen Konsens zwischen den einzelnen Großlogen herbei zuführen. Ich brauche hier nur an die aktuellen Einflüsse, Versuche der englischen Großloge auf die VGLvD, wegen des Verhaltens einzelner Mitgliedslogen zu französischen Brüdern und folglich auch zu deutschen Schwestern hinzuweisen. Die Freimaurerei dividiert sich hier durch fehlenden Dialog freiwillig auseinander. Dadurch verliert sie an Einfluss, der für den Bau am Tempel der Humanität erforderlich wäre.

2. These

Die Freimaurerei hat Nachwuchs und Existenzprobleme!

Diese Behauptung gilt insbesondere für die deutschsprachige Freimaurerei, solange die Weltbevölkerung existiert, Staatsreligion und Ideologien expandieren und gleichzeitig die Anzahl der deutschen Brüder und Schwestern stagniert sinkt folglich auch die Quantität und mit ihr die qualitative Vielseitigkeit der Freimaurerei. Aus diesen sachlichen Gründen scheint mir der Hinweis auf Existenzprobleme gerechtfertigt zu sein.

3. These

Die Freimaurerei ist zur Bedeutungslosigkeit verkommen!

Humanität, Toleranz und Brüderlichkeit, Werte für die die Freimaurerei Zeit ihres Bestehens eintritt sind heute in den demokratischen Industriestaaten in einem nicht unbedeutenden Maße Wirklichkeit geworden. Während früher bedeutende Staatsmänner auch Freimaurer waren, die beispielsweise an der Formulierung der Menschenrechte und moderner Verfassungen beteiligt waren, welche auch die Gleichstellung von Mann und Frau forcierten sucht man diese Art der direkten Einflussnahme vergebens. Liebe Schwestern, liebe Brüder mir scheint als seien unsere Ideale zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft, als sei unser Bund durch interne Kämpfe der Großlogen zweitklassig geworden und somit übt die Freimaurerei auf Suchende momentan keine Anziehungskraft mehr aus.

4. These

Die Freimaurerei stellt sich in der Öffentlichkeit falsch dar!

Wenn wir unsere Mitgliederzahl und damit unsere Bedeutung als Multiplikator steigern wollen, müssen wir uns mit Hilfe der Großlogen attraktiver darstellen,

  • Wir sind kein Geheimbund wie viele Glauben
  • Wir arbeiten doch nicht im Untergrund
  • Wir sind im Rahmen bescheidener Möglichkeiten karitativ tätig

„Tue Gutes und rede darüber.“

Ein Spruch, der eine Sogwirkung auslösen kann. Die Freimaurerei ist ein Forum Gedanken ohne Beschränkungen und in Offenheit zu diskutieren, was in der heutigen Zeit schon seltener geworden ist. Es gibt mir zu denken, dass mehr Publikationen gegen als für die Freimaurerei existieren. Die Freimaurerei hat doch konkrete Ziele und Aufgaben, nur wir können das Öffentlichkeitsbild ändern. Denn Taten zählen und nicht die Worte, auch könnte im Bezug auf Öffentlichkeitsarbeit profane Hilfe in Anspruch genommen werden.

5. These

Die Freimaurerei sollte schnellstens reformiert werden!

Die Thesen, die ich bisher zu beantworten suchte, könnten Anlass sein sofort tätig zu werden. Allerdings nicht revolutionär, sondern reformerisch auch im Dialog zwischen den einzelnen Großlogen. Ich würde mich freuen, wenn mehrere Schwestern und Brüder mir grundsätzlich zustimmen würden. Bei meiner Kritik geht es ausschließlich um die positive Idee der wir uns verpflichtet haben. Auch um einen Ausgleich der verschiedenen Lehrarten untereinander und nicht um ihre Bekämpfung. Keiner von uns hat die Weisheit erfunden. Wir sollten zumindest untereinander tolerant sein, denn kein maurerisches Problem darf bei Schwestern und Brüdern Gewissenskonflikte auslösen. Wir sollten alle in einer Reihe, ob Schwester oder Bruder am Tempelbau arbeiten, ohne Unterschiede in Kleinigkeiten, wie jeder "freier" Mann oder jeder "freie" Mensch. Hier geht es um das Verständnis für- und untereinander. Von Änderungen ausnehmen möchte ich unser Ritual, das in der Öffentlichkeit nichts zu suchen hat. Es ist und sollte ausschließlich Eingeweihten vorbehalten bleiben. Hier bin ich für eine vehemente Abgrenzung nach außen. Wir müssen der Öffentlichkeit humane Wege aufzeigen und somit hätten wir die einmalige Chance die Freimaurerei in ihren drei Graden, d.h. Humanität, Toleranz, Brüderlichkeit oder aber soziales Empfinden und Mitleid öffentlichkeitswirksam darzustellen.

Meine Beschreibung des Weges der heutigen Freimaurerei, wie ich sie sehe und zu kritisieren was ich nicht gerne sehe, musste im Rahmen dieser Zeichnung zu kurz kommen, da sie mir nur für die angesprochenen Thesen diente. Wenn es mir trotzdem gelungen ist Impulse für ein stärkeres mit- und füreinander bei der Mitarbeit zu setzen so bin ich sehr zufrieden.

Unsere Ideale sollten nicht nur beschworen, sie sollten mit Hilfe aller realisiert werden!

Möge dieses ein Beitrag zum Baustein am Tempelbau der Humanitas sein.

C.H. 19. Mai. '05