Das verlorene Wort - Der verlorene Plan

Dieses Thema habe ich gewählt aufgrund einer Unterhaltung mit dem GrossRedner des SGOvD und einer jungen Suchenden.

Man gelangt auf der Suche nach dem verlorenen Wort unwillkürlich zum Beginn des alten Testaments, wo steht, dass Gott die Welt schuf. Es heisst dort zum Beispiel: „Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.“ Auch das Johannes-Evangelium berichtet: Im Anfang war das Wort.

Diese bekannte, aber dunkle Bibel-Stelle, die das ursprünglich griechische „logos“ mit „Wort“ übersetzt, wird für mein Empfinden klarer, wenn der Begriff „logos“ die Bedeutung „Plan“ und nicht „Wort“ erhält. Im Anfang war der Plan…

Was ist ein Plan?

In unserem menschlichen Bereich ist ein Plan die Aufzeichnung, die Zeichnung eines erdachten Werkes. Der Plan vermittelt zwischen einer Idee und dem materiell zu Schaffenden. Der Plan ist das Gesetz, das die Ausführung leitet, auf ein Ziel hin: Ein Werk, an dem Menschen arbeiten.

Pläne sind aber selten von einem einzelnen ausführbar. Sie sind deshalb auch als Ordnungsfaktor für die Zusammenarbeit mehrerer angelegt. Nur durch die Zusammenarbeit unter einem ordnenden Geist kann ein Werk gelingen, können Pläne also Wirklichkeit werden. Das will neben anderem Hirams Schauspiel vor Salomon und seiner Besucherin verdeutlichen.

Damit sind Hierarchien ganz natürlicher und sinnvollerweise in der Welt, und Planungsstufen und Teilpläne schaffen ebenfalls Hierarchien. Wer sich daran stößt, hat meines Erachtens Schwierigkeiten mit dem Leistungsprinzip und die Suche nach dem verlorenen Plan aufgegeben; er sollte bedenken, dass Hierarchien den Einzelnen auch in eine Gemeinschaft einbetten, ihm Sicherheit und die Möglichkeit geben, sich auf einem Spezialgebiet besondere Fähigkeiten zu erarbeiten, z.B. wissenschaftliche Erkenntnis voranzubringen und anerkannt zu werden. Mit anderen Worten: Hierarchien sind ein wesentlicher Faktor zur Verbesserung des Lebens hier auf der Erde.

Nicht jeder braucht, kann, muss aber über alle Teile eines Planes Bescheid wissen. Die isolierte Bearbeitung von Teilplänen und das darin eingebundene Schweigen nach außen fördert die zielgerechte Planausführung. Es konzentriert und ordnet die Kräfte auf das jeweilige Teilziel, verhindert Verzettelung und besserwisserisches Einmischen anderer in nicht voll durchschaute Bereiche. Wehe aber, wenn das Schweigen der Machthäufung dient indem Informationen zurückgehalten werden.

Hier stoßen wir auf eines der Gefahrenmomente, wie ein Plan verloren gehen kann: Ein Plan ist verloren, wenn man unfähig ist, seiner ordnenden Kraft zu folgen. Diese Unfähigkeit kann intellektuell begründet sein, aber sie kann auch von außen erzwungen worden oder selbst gewollt sein. Letzteres speziell auch dann wenn durch Missbrauch die hierarchische Machtstellung nicht für ziele des Plans sondern für eigene Zwecke genutzt wird.

Die Suche nach dem verlorenen Plan wird oft gleichgesetzt mit der Frage nach dem Woher und Wohin unseres menschlichen Daseins. Mit dieser Frage wird zum Ausdruck gebracht, dass wir im Prinzip einer ordnenden Kraft folgen möchten und suchen deshalb, den Ursprung und das Ziel unserer menschlichen Existenz intellektuell zu ergründen. Nach der Offenbarung Johannis wäre das Ziel – vielleicht, auch der Beginn – Chaos, der Untergang der Welt, der Beginn einer neuen. Dieser Gedanke ist ein wesentlicher Teil unseres religiösen und kulturellen Lebens. Wir wollen ihn in dieser Zeichnung weiter verfolgen.

Denn Chaos ist in der Wissenschaft ein hochmoderner Begriff geworden. Die Evolutionstheorie, im Einklang mit religiösen Vorstellungen, nimmt kontinuierliche Entwicklungen an.Sie wird heute durch wissenschaftliche Erkenntnisse zunehmend in Frage gestellt. Demnach, so müssen wir folgern, besteht der Plan unseres Erdendaseins vielleicht noch nicht allzu lange. Auch die Bibel selbst setzt die ja erst auf etwa -4000 an.

In den Büchern Moses, auch von Platon und vielen anderen Gelehrten und Dichtern der kulturellen Frühzeit wird von wiederholten, katastrophalen Geschehnissen berichtet, die uns aus dem Himmel trafen. Sie sollen auf der Erde noch in historischer Zeit stattgefunden haben. Ist hierbei möglicherweise der Plan unseres menschlichen Daseins verloren gegangen oder verändert worden?

Es ist die besondere Leistung Aristoteles, des Schülers Platons, katastrophale Überlieferungen verbindlich für Jahrtausende aus dem Bereich der Fakten zur Fiktion überführt zu haben. Erst seit dem Beginn der Neuzeit lösen wir uns langsam aus seinen Vorstellungen eines harmonischen, wunderschönen Weltbildes und seit dem dürfen immer mehr alte, mystifizierte Aussagen über den Bau der Welt wieder Wissenschaft sein. Zwei weniger bekannte sind die Folgenden:

1877, vor hundertachtundzwanzig Jahren erst, wurden die beiden winzigen Mondes des Mars entdeckt. Ihr Entdecker Hall nannte sie so, wie die Alten es schon vor zweieinhalbtausend Jahren getan hatten: Furcht und Schrecken. Wie aber konnten Homer und Virgil wissen, dass es gerade der Mars ist, der mit zwei Rossen über den Himmel zieht? Noch interessanter die Frage: Wie konnte Jonathan Swift 150 Jahre vor Hall, in seinem Buch „Gullivers Reisen“ davon fabulieren, dass Mars von zwei Sternen umkreist wird und dabei noch deren Abstand zum Mars und besonders deren ganz gewöhnlich kurze Umlaufzeit sehr genau angeben? Kepler erwähnte einen roten Fleck auf dem Jupiter, dem früher hochverehrten Gott. Von diesem Auge Jupiters – unser Gottesauge? – in der Größe etwa der Venus, bekam die Welt aber erst zwei Generationen nach Kepler durch Cassini Kenntnis.

Das kosmische Weltbild Aristoteles ist von alternativen, unterdrücktem Wissen noch unbekannter Quelle begleitet gewesen. Sein Weltbild wird heute mit jedem Raumflugkörper mehr durch scheinbares Chaos ersetzt.

Blicken wir einmal selbst hinaus in unser Sonnensystem, so umfasst die heute noch in uns verankerte so genannte Himmelsharmonie Körper verschiedener Größe, verschieden angeordnet, verschiedene Umdrehungsgeschwindigkeit, mit verschiedenen gerichteten Drehachsen und Rotationsrichtungen, verschieden zusammengesetzten – oder überhaupt keinen – Atmosphärenhüllen, mit einer unterschiedlichen Zahl – oder gar keinen – Monde, und mit Satelliten, die in der einen und anderen Richtung umlaufen.

Der Mars ist kalt, die Venus, von den Alten auch Luzifer genannt, ist, wie man seit einigen Jahren erst weiß, mit 700 Grad höllisch heiß – ein flammendes Pentagramm? - , der Jupiter sonnenähnlich mit gewaltigen chemischen und elektrischen Vorgängen.

Wäre es nicht tatsächlich denkbar – ich möchte hier in Anlehnung an alte Überlieferungen eine Idee wiedergeben - , dass in dieser kosmischen Walpurgisnacht der Zufälligkeiten plötzlich eine donnernde Stimme am Himmel ertönte (… Im Anfang war das Wort…) und Blitze schleudernd, Licht und Finsternis trennend, ein Himmelskörper auftauchte (… ich bin der Anfang und das Ende … der helle Morgenstern…), die Erde und andere Planeten streifend Katastrophen auslösen könnte und damit teile der Menschheit vernichtet und ihr Wissen verloren wäre? Die Nachfahren, nach spätestens einer Generation vielleicht in die Bronze- oder Steinzeit geworfen, würden einem verlorenen Plan nachtrauern.

Ob man dann rund um den Erdball, wie geschehen, Planetengottheiten etwa den donnernden Wotan und Jupiter oder die kriegerische Mars, Venus, Vishnu, Athene, die den Kopf des Zeus entsprang, Astarte, Ischtar, Isis, Quetzal-coatl. Baal usw. anbeten würde, und wenn sich schließlich alles beruhigt hätte, also himmlischer Friede eingekehrt wäre, sich vielleicht Religionen mit Opferritualen in den Dienst der Verdrängung der noch unbewusst geahnten Grauen stellen würden, das bleibt teils Tatsache teils Spekulation.

Die Suche nach dem Plan dieser Welt ist das eine unserer Probleme. Wie auch immer in dieser Beziehung das Alte Testament, die Wissenschaft, die Überlieferungen und Mythen der Menschheit auslegbar sind, oder gemäß herrschender Lehre ausgelegt werden dürfen, auf jeden Fall würden in schöpferischen Menschen, wenn wir von vorhandenem Chaos ausgehen, aus Inspiration und Wille zur Gestaltung ein Plan und immer wieder neue Pläne entstehen zur Verbesserung der Lebensbedingungen.

Diese müsste von der Menschheit ermöglicht und bewundernd gefördert werden. Die dafür notwendige geistige Fähigkeit darf nicht von bestehenden Ordnungen unterdrückt werden, wie das immer wieder im Laufe unserer Geschichte geschehen ist.

Der Geist bewegt die Materie. Wir Freimaurer sollten dafür eintreten, dass sich auch heute und in Zukunft niemand dem entgegenstellt.

Damit wir das können, müssen wir uns erinnern an die Voraussetzungen zur geistigen Freiheit: Aus Chaos verdichtet sich eine Idee zum Plan. Für seine Realisierung sind, notwendigerweise Ordnungsstrukturen und Hierarchien notwendig.

Aber die, und hier kommen wir zur Voraussetzung der geistigen Freiheit, müssen wieder soviel Chaos zulassen, dass aus der Sicherheit des Erreichten ein weiterer Schritt nach vorne möglich werden kann.

Hier liegt die Gefahr, dass etablierte Mächte ihre hierarchische Macht missbrauchen, indem sie auch Furcht vor Machtverlust unterdrücken, was sie als Chaos oder falsche Meinung ansehen.

Auf der Suche nach dem verlorenen Plan des Tempels der Humanität, der den Sinn des Lebens zeigt, den Null-Punkt unserer gegenwärtigen Existenz aufdeckt und Wege zur Verbesserung der Lebensbedingungen weist, müssen wir laufend altes in Frage stellen. Daraus entwickeln sich neue Ideen, neue Pläne.

Ob wir den verlorenen Plan je finden ist fraglich, aber wir wollen uns dafür einsetzen, das fast Unmögliche zu schaffen: Ordnung zu erhalten und Chaos zu erlauben, damit die Rekonstruktion des verlorenen Planes weitergehen kann. Für dieses Kunststück, die Widersprüche Ordnung und Chaos in Einklang zu halten, scheint mit viel Aktion notwendig aber auch Toleranz, Menschlichkeit und Bruderliebe. Bruderliebe, um Geborgenheit in der Hierarchie zu geben. Toleranz, um neue Ideen zu fördern. Menschlichkeit, um Macht nicht zu missbrauchen.

JdL - 5. Juni 2005

Quellen

  • H.H. Ricking, Der Plan, Bundesblatt
  • Die Bibel
  • I.Velikovsky, On Prediction in Scinenie, Kronos IX,3